Zunehmender Bedarf an sozialpsychiatrischer Versorgung
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28.03.17
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Zunehmender Bedarf an sozialpsychiatrischer Versorgung

Zunehmender Bedarf an sozialpsychiatrischer Versorgung

„Um psychisch beeinträchtigen Menschen effektiv zu helfen und um Vorurteile abzubauen wurde vor 40 Jahren pro mente Austria als Dachverband der Vereine für psychische und soziale Gesundheit gegründet

„Um psychisch beeinträchtigen Menschen effektiv zu helfen und um Vorurteile abzubauen wurde vor 40 Jahren pro mente Austria als Dachverband der Vereine für psychische und soziale Gesundheit gegründet. Wir verstehen uns als Lobbyisten für alle psychisch kranken Menschen, diese dürfen nicht anders gesehen und behandelt werden als Menschen mit körperlichen Leiden“, sagt Prof. Univ.-Doz. Dr. Werner Schöny (Präsident von pro mente Austria) auf einer Pressekonferenz in Wien. Aus drei Mitgliedsorganisationen wurden inzwischen 26, in denen sich insgesamt 3.250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um den Aufbau und Betrieb von psychosozialen Strukturen kümmern. Prof. Schöny: „In unseren Betreuungseinrichtungen, von Wohnprojekten über Arbeitsplätze bis hin zur Suchthilfe, betreuen wir jährlich 80.000 Menschen. Die Palette reicht von niedrigschwelligen Angeboten wie Streetworkern über Beratungseinrichtungen bis hin zu hochdifferenzierten Einrichtungen im stationären Bereich.“

Was unsere Gesellschaft auch braucht ist „Erste Hilfe für die Seele“: Die Menschen sollten lernen, auf die ersten Anzeichen psychischer Probleme und Erkrankungen zu achten und, besser noch, ihnen vorzubeugen. „Auch das ist ein Ziel von pro mente Austria, das wir mit unserer Aufklärungs- und Informationsarbeit sehr intensiv verfolgen“, so Prof. Schöny.

Psychische Leiden nehmen zu – ohne Gegenmaßnahmen droht Versorgungskollaps
Aus internationalen Studien und der Empirie der täglichen Praxis lässt sich folgendes Bild ableiten, berichtet Dr. Günter Klug (Vizepräsident pro mente Austria; Obmann des Dachverbandes der sozialpsychiatrischen Vereine und Gesellschaften Steiermarks; Obmann der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit):

• Psychische Krankheiten, die auch eine größere genetische Komponente haben – wie etwa die Schizophrenie – sind heute nicht weiter verbreitet als vor 40 Jahren.
• Deutlich häufiger werden z. B. Depressionen und Angststörungen diagnostiziert. Der Großteil der Zunahme dürfte aus der früher noch viel höheren Dunkelziffer kommen.
• Absolut gemessen nehmen psychische Leiden zu, die sich aus lebensgeschichtlichen Ereignissen ableiten. Immer höhere Leistungserwartung auf der einen und zunehmend prekäre Dienst- und Einkommensverhältnisse auf der anderen Seite führen immer öfter ins Burnout. Menschen, die früher in einfachen Jobs ein Auskommen fanden, fallen heute zunehmend ganz aus dem System, verlieren ihr Selbstwertgefühl und landen in der Depression.
• Den größten Zuwachs gibt es bei alterspsychiatrischen Erkrankungen. Das Demenz-Risiko steigt ab dem 60. Lebensjahr signifikant, bei den über 90-Jährigen leidet jeder Dritte daran. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der über 75-Jährigen verdreifachen, die der über 90-Jährigen vervierfachen.

Ein Viertel der Krankheitslast, aber nur sechs Prozent der Gesundheitsausgaben
Schätzungen zufolge wird in Österreich bereits ein Viertel der gesamten Krankheitslast von psychischen Erkrankungen verursacht. „Verglichen damit nehmen sich die dafür geleisteten Aufwendungen beschämend niedrig aus: Für die Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen werden nur rund sechs Prozent der Gesundheitsausgaben aufgewandt“, so Dr. Klug. „Diese Unterfinanzierung ist nichts anderes als die in Geld ausgedrückte Stigmatisierung psychischer Leiden. Diese Ignoranz ist umso unverständlicher, als alleine Demenz, Angststörungen, Psychosen und affektive Erkrankungen jährlich Kosten in Höhe von 7,2 Milliarden Euro verursachen. Mit jedem Euro, der in die Prävention gesteckt würde, ließe sich ein Vielfaches an Folgekosten einsparen.“

Zu wenig Betten und Facharztstellen: Ohne gegenzusteuern sehenden Auges in ein Desaster
Mit – je nach Bundesland – 35 bis 55 Betten pro 100.000 Einwohner liegt Österreich in der stationären Versorgung im europäischen Vergleich am unteren Ende der Skala. „Das wäre noch kein Problem, wenn wir das im niedergelassenen Bereich und den psychosozialen Diensten kompensieren würden“, sagt Dr. Klug. „Leider ist das Gegenteil der Fall: Mit 14,6 Psychiatern pro 100.000 Einwohnern stehen bei uns deutlich weniger Fachärztinnen und Fachärzte zur Verfügung als im OECD-Durchschnitt. In den nächsten zehn bis 15 Jahren gehen rund die Hälfte der heute schon zu wenigen Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie in Pension. Wenn wir nicht rasch gegensteuern, laufen wir sehenden Auges in ein Desaster.“

Diskriminierung noch nicht beseitigt – Adäquate Arbeitsplätze sind wichtigster Integrationsfaktor
„Die Diskriminierung psychisch kranker Menschen ist noch lange nicht beseitigt“, so Prof. Schöny: Nach wie vor decken die meisten privaten Zusatzversicherungen alle denkmöglichen Leiden ab, nur psychische sind davon ausgenommen. Besonders schwerwiegend sei die ganz alltägliche Diskriminierung am Arbeitsplatz: „Keine körperliche Krankheit ist so ausgrenzend und karrierehemmend wie eine psychische. Fehlt jemand wegen einer Depression, reagieren die meisten Arbeitgeber immer noch mit Unverständnis.“

Dabei ist gerade der Faktor Arbeit einer der wichtigsten Punkte zur Integration. Prof. Schöny: „Wir werden deshalb nicht müde werden, gerade für die Erhaltung von Arbeitsplätzen mehr Unterstützung von der Politik zu fordern. Schließlich ist das Recht zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nicht zuletzt auch in der Menschenrechtskonvention festgeschrieben. Dieses Menschenrecht muss auch für psychisch kranke Menschen unteilbar und nicht verhandelbar bleiben.“

Psychosoziale Betreuung in Österreich: Große Defizite in der Versorgung und Prävention

Die Erfolge in den vergangenen 40 Jahren dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Betreuung psychisch Kranker weiterhin massiven Verbesserungsbedarf gibt. „Es ist in Österreich unvorstellbar, dass jemand, der Diabetes oder ein Herzleiden hat, keine ausreichende Behandlung bekommt. Bei psychischen Leiden ist das aber gang und gäbe“, so Prof. Schöny. „Was wir an ‚Psychotherapie auf Krankenschein‘ bieten, ist für den Bedarf bei Weitem nicht ausreichend. Für die Betroffenen heißt das: Entweder sie nehmen monatelange Wartezeiten in Kauf, oder sie bezahlen ihre Behandlung aus der eigenen Tasche.“

Problematisch ist auch die Wohnsituation. Derzeit stehen – je nach Jahreszeit – 1.000 bis 2.000 Menschen auf  einer Warteliste für einen betreuten Wohnplatz. Um diese abzubauen, muss ein viel differenzierteres Angebot im Wohnbereich geschaffen werden. Prof. Schöny: „Nicht alle Betroffenen müssen in einer Wohngemeinschaft mit ständiger Betreuung untergebracht werden. In vielen Fällen würde auch eine lockere Begleitung in größeren Abständen reichen. Wieder andere könnten ihr Leben sogar weitestgehend alleine meistern, scheitern aber an den bürokratischen und finanziellen Hürden einer Wohnungssuche.“

„Ich halte die aktuelle Diskussion um eine Kürzung der Mindestsicherung für höchst problematisch“, so Prof. Schöny. „In vielen Fällen reichen die Beträge jetzt schon nicht aus, den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dazu kommt, dass nicht nur die Mindestsicherung, sondern auch ergänzende Sozialleistungen in jedem Bundesland anders und unterschiedlich kompliziert organisiert sind.“ Gerade Menschen mit psychischen Problemen sind damit oft überfordert. Prof. Schöny: „Wer Sozialleistungen kürzt oder immer weitere Zugangshürden einbaut, wird am Ende nicht nur neues Leid, sondern auch deutliche Mehrausgaben an anderer Stelle verursachen: Je weniger Menschen sich selbst erhalten können, desto mehr müssen wir in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen betreuen.“

Prävention fängt schon bei Säuglingen an – Aufholbedarf bei Kindern und Jugendlichen

Sinnvollerweise müsste Prävention schon im Säuglingsalter ansetzen, fordert Prof. Schöny: „Bei den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen etwa wird versucht, alle möglichen Gesundheitsrisiken frühzeitig zu erkennen. Ob ein Kind unter psychosozial soliden Bedingungen aufwächst, scheint niemanden zu interessieren. Dabei würde schon ein obligatorisches Gespräch mit psychologisch geschulten Expertinnen oder Experten helfen, um etwa Fälle von Alkoholmissbrauch in der Familie oder eine drohende Überforderung der Eltern zu erkennen.“

Das Gleiche gilt für die Vorsorgeuntersuchungen: „Obwohl wir wissen, dass es keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit geben kann, geht es auch dabei fast ausschließlich um körperliche Gesundheitsrisiken“, sagt Prof. Schöny. „Dabei könnten wir uns viele später aufwendig zu betreuende Fälle psychischer Leiden ersparen, wenn wir psychosozialen Aspekten wie Sucht oder psychischer Überforderung gleich hohe Aufmerksamkeit schenken würden.“

Die im Gesamtzusammenhang kaum nennenswerten Mehrkosten dürfen bei solchen Überlegungen keine Rolle spielen: „Es wäre absurd gerade da zu sparen, wo wir späteres Leid und weit höhere Kosten am effizientesten vermeiden können“, sagt Prof. Schöny.
Pro mente Austria: Einer der beliebtesten Arbeitgeber Österreichs
„Die Betreuung von 80.000 Menschen hat mit Sozialromantik und geschützter Werkstatt-Atmosphäre schon lange nichts mehr zu tun“, berichtet Mag. Ing. Margret Kaltenbrunner (Geschäftsführerin von pro mente Salzburg und pro mente plus, Vorstandsmitglied von pro mente Austria). „Die 26 Mitgliedsorganisationen des Dachverbandes pro mente Austria sind wirtschaftlich geführte Unternehmen mit rund 3.250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Damit sind wir nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sondern in vielen – darunter sehr entlegenen – Regionen ein wichtiger Arbeitgeber.“

Wer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, die täglich Derartiges leisten, ist als Arbeitgeber natürlich besonders gefordert. Umso erfreulicher sei es, dass im Vorjahr in einer Studie der „Career Services Austria“ die befragten Studentinnen auf die Frage „Wo würden Sie am liebsten arbeiten“ pro mente auf Platz 6 aller österreichischen Privatunternehmen reihten. „Dabei gehören wir sicher nicht zu den Unternehmen, die mit überdurchschnittlichen Gehältern werben können“, so Mag. Kaltenbrunner. „Da unsere Kostenträger ausschließlich die im Kollektivvertrag vorgesehenen Mindestgehälter erstatten, haben wir in finanzieller Hinsicht auch keinen Spielraum für Überzahlungen oder Boni.“

Viel wichtiger seien Neueinsteigern ein angenehmes Betriebsklima, eine ausgeglichene Work-Life-Balance oder die Möglichkeiten zur Weiterbildung, berichtet Mag. Kaltenbrunner: „Darauf legen wir großen Wert. Gerade weil wir mit und für hilfsbedürftige Menschen arbeiten, steht die Qualitätssicherung ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Bei uns genießt jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, pro Jahr Weiterbildungsangebote im Umfang seiner Wochenarbeitszeit in Anspruch zu nehmen.“ Mit einem Kostenbeitrag von durchschnittlich 400 Euro sind das in Summe deutlich mehr als eine Million Euro, die jährlich in die Verbesserung der Betreuungsqualität investiert werden. Zusätzlich gehören regelmäßige Supervision sowie Konsiliararzt-Besprechungen für die Teams zu den Qualitätsstandards.

Flexible Arbeitszeitmodelle machen Beruf und Familie vereinbar

Um – was in der Studie auch als wichtiges Kriterium genannt wurde – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten, bieten die Mitgliedsorganisationen von pro mente Austria ein breites Spektrum an Teilzeitmöglichkeiten und flexiblen Arbeitszeitmodellen an. Das ist besonders wichtig, weil pro mente einen sehr hohen Frauenanteil in der gesamten Belegschaft hat. In Salzburg zum Beispiel sind 80 Prozent der Stellen mit Frauen besetzt, in allen Mitgliedsorganisationen zusammen genommen liegt der Anteil bei etwa 75 Prozent.

„Wir achten sehr bewusst darauf, dass Frauen nicht nur gleich viel verdienen wie Männer, sondern auch die gleichen Aufstiegschancen haben. Bei pro mente Salzburg sind 75 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt, in der gesamten Organisation werden es zumindest 60 Prozent sein“, so Mag. Kaltenbrunner. „Das ist mir nicht nur deshalb wichtig, weil Frauen in diesem Bereich besonders gute Arbeit leisten, sondern weil wir damit auch dazu beitragen, das Bild von arbeitenden Frauen ins richtige Licht zu rücken.“

Quelle: B&K Kommunikation

Bildquelle: shutterstock

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