Angststörungen sind heute am häufigsten verbreitet
Angststörungen sind heute am häufigsten verbreitet
Angststörungen sind heute am häufigsten verbreitet
Prim. Dr. Christa Rados
Prim. Dr. Christa Rados
Ärztin
Angststörungen sind heute am häufigsten verbreitet

Angststörungen sind heute am häufigsten verbreitet

Die WHO geht davon aus, dass nahezu jeder Dritte im Lauf seines Lebens von zumindest einer psychischen Krankheit betroffen ist

Über psychische Krankheiten in Österreich zu sprechen ist schon deshalb schwierig, weil es keine landesweiten Prävalenz-Zahlen gibt. Derzeit läuft eine österreichweite Studie, mit der wir endlich über verlässliche Daten zur Epidemiologie verfügen werden.

Wir können allerdings aus übertragbaren deutschen Studien ablesen, dass psychische Krankheiten einen Großteil der Bevölkerung betreffen. Die WHO geht davon aus, dass nahezu jeder Dritte im Lauf seines Lebens von zumindest einer psychischen Krankheit betroffen ist. In manchen Fällen ist eine einmalige und fokussierte Behandlung nötig, sehr häufig handelt es sich jedoch um schwere und chronisch verlaufende Erkrankungen mit einem hohen Leidensdruck, die eine langfristige oder ständige Betreuung notwendig machen. 

Angststörungen am häufigsten – Depressionen verursachen das größte Leid

Am häufigsten verbreitet sind heute Angststörungen. Darunter fallen allerdings auch Phobien, von denen nur ein Teil wirkliche Schwierigkeiten im Alltag bereitet. Betrachtet man Häufigkeit und Leidensdruck gemeinsam, sind es aber Depressionen, die uns die größte „Burden of Disease“ bescheren. 

Gleich dahinter rangieren die Suchterkrankungen, unter denen die Alkoholabhängigkeit mit großem Abstand die verbreitetste ist. Oft hat sie ihren Ursprung in einem unzureichenden Selbstbehandlungsversuch von Depressionen oder Angststörungen. Das eröffnet einen Teufelskreis, indem der Alkoholkonsum letztendlich die Depressionen weiter verstärkt, was viele mit noch mehr Alkohol zu bekämpfen versuchen. 

Von psychischen Krankheiten sind Menschen aller Altersgruppen betroffen. Angststörungen und Schizophrenien kommen in jungen und mittleren Jahren häufiger vor, im Alter sind es Demenzen. Depressionen in ihren unterschiedlichen Formen treten in allen Lebensabschnitten auf. 

Wenn wir im Interesse unserer Patienten gelegentlich argumentieren, die Krankheitslast psychischer Leiden sei mit jener des Diabetes vergleichbar, ist das sogar noch untertrieben: In den WHO-Berechnungen zur „Burden of Disease“ liegt die Depression auf Platz 1. Bis 2030 werden bereits drei psychische Krankheiten unter den Top 5 liegen: Depression auf Platz 1, Alzheimer und andere Formen der Demenz auf Platz 3 und die Alkoholsucht auf Platz 5.

Eklatante Mängel in den Versorgungsstrukturen

Es ist angesichts dieser Entwicklungen erstaunlich, dass die eklatanten Mängel in den österreichischen Versorgungsstrukturen von den Verantwortlichen seit Jahren einfach hingenommen und nur höchst selten thematisiert werden. Wenn bereits ein Viertel der gesamten Krankheitslast in Österreich von psychischen Erkrankungen verursacht wird, aber nur rund sechs Prozent der Gesundheitsausgaben für deren Behandlung aufgewendet werden, ist das aus psychiatrischer Sicht ein Alarmsignal.

Tatsächlich mangelt es inzwischen in der Versorgung an allen Ecken und Enden: Österreich liegt mit 35 bis 55 Betten pro 100.000 Einwohner nicht nur im stationären Bereich weit hinter vergleichbaren Ländern, mit 15 Psychiatern pro 100.000 Einwohnern stehen bei uns auch deutlich weniger Fachärztinnen und Fachärzte zur Verfügung als im OECD-Durchschnitt. Folglich sind drei Monate Wartezeit für ein Erstgespräch keine Ausnahme, für einen kassenfinanzierten Psychotherapieplatz brauchen viele Betroffene noch viel mehr Geduld.

Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen das meist widerspruchslos hinnehmen. Es liegt in der Natur solcher Krankheiten, dass diese Patienten kaum selbst für ihre Anliegen und Rechte eintreten können. Mangelnde Selbstsicherheit, aber auch die Angst vor Stigmatisierung führen dazu, dass sie weniger vehement auftreten als andere Patientengruppen. Umso mehr werden wir in der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) nicht müde werden, als Anwälte und Lobbyisten der Betroffenen aufzutreten.

Psychiater, Psychotherapeuten oder Psychologen? Wo Betroffene Hilfe finden

Für die Betroffenen ist es oft gar nicht einfach herauszufinden, wo und bei wem sie adäquate Hilfe finden. Die Antwort ist: Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung ist die fachliche Expertise einer ausgebildeten Psychiaterin oder eines Psychiaters nötig. Für Krankheiten sind ja generell zunächst Ärztinnen und Ärzte zuständig, im Fall seelischer Erkrankungen sind das die Fachärzte für Psychiatrie und, wie es neuerdings heißt, Psychotherapeutische Medizin. Dieser Zusatz zeigt bereits, dass sich das Berufsbild des Psychiaters laufend erweitert. Neben der inzwischen obligaten Integration der Psychotherapie in die psychiatrische Ausbildung, bringen auch die neuen Erkenntnisse der Neurobiologie zusätzliche Anforderungen mit sich. Dazu kommt, dass unsere Patientinnen und Patienten immer älter werden und wir daher mehr über Komorbiditäten und Medikamenten-Interaktionen Bescheid wissen müssen. 

Psychotherapeuten ohne fachärztlichen Hintergrund sind hingegen auch für Menschen ohne psychische Erkrankungen zuständig. Ihre Angebote können bei Problemen mit der Familie oder in der Partnerschaft hilfreich sein oder Menschen weiterbringen, die ganz allgemein ihr persönliches Potential erweitern wollen. Psychotherapie ist vor allem in Form sogenannter störungsspezifischer Ansätze bei vielen psychiatrischen Erkrankungen wesentlicher Bestandteil einer fachkundigen Behandlung. In diesem Fall sollte die Therapie dann auch von den Krankenkassen erstattet werden.

Auch Psychologinnen und Psychologen haben ein breites Wirkungsfeld. Klinische Psychologinnen und Psychologen haben ein Psychologie- und kein Medizinstudium absolviert. Sie können Potentiale und Defizite mit Testverfahren analysieren und helfen den Patientinnen und Patienten ihre Krankheit zu verstehen sowie Gefühle, Erleben und Verhalten einzuordnen und besser zu bewältigen. 

Was hilft besser: Medikamente oder Psychotherapie? 

Neben der Frage, wo psychisch Kranke die beste Hilfe finden, wird zunehmend auch diskutiert, wie diese aussehen soll. Zugespitzt lautet die Frage oft: Helfen Medikamente oder Psychotherapie besser? Dabei werden gerade die Pharmazeutika zunehmend skeptisch betrachtet - oft mit dem Argument, sie würden nur die Symptome kaschieren aber zu keiner nachhaltigen Besserung beitragen. Tatsächlich sind Wirksamkeit und Effektstärken der Psychopharmaka erwiesenermaßen den in der somatischen Medizin verwendeten Substanzen zumindest ebenbürtig.

Tatsache ist: Die Frage Psychotherapie oder Medikamente stellt sich nur selten. Zwar gibt es Krankheitsbilder, wie etwa Psychosen, bei denen die medikamentöse Behandlung zumindest anfangs im Vordergrund steht. Umgekehrt kann der psychotherapeutische Ansatz etwa bei Angststörungen manchmal unverzichtbar sein. In den allermeisten Fällen gilt aber „sowohl als auch“. Eine Reihe von Studien zeigen, dass die Kombination mehr bringt, als jeder Ansatz für sich allein bewirkt. 

Innovative Präparate in Österreich zwar zugelassen, aber von nicht den Kassen erstattet

In diesem Zusammenhang ist es aus ärztlicher und aus Patienten-Sicht umso bedauerlicher, dass eine Reihe innovativer Präparate zur Behandlung von Depressionen oder der Alkoholkrankheit, in Österreich zwar zugelassen wurden, von den Kassen aber nicht erstattet werden. Das Argument, dass es für all diese Anwendungen bereits wirksame Medikamente gäbe, würde so vermutlich bei somatischen Erkrankungen nicht akzeptiert werden. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit der Materie beschäftigt hat, müsste wissen, dass es viele Patienten gibt, die auf die vorhandenen Präparate nicht oder nur unzureichend ansprechen oder unter Nebenwirkungen leiden. Viele von ihnen könnten von den neuen Medikamenten profitieren. Hier werden psychisch Kranken also bewusst und ausschließlich aus dem Motiv des Einsparens Therapieoptionen vorenthalten.

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