Traumberuf Arzt für Allgemeinmedizin? – Neue umfassende Studie
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Traumberuf Arzt für Allgemeinmedizin? – Neue umfassende Studie

Traumberuf Arzt für Allgemeinmedizin? – Neue umfassende Studie

Jungmediziner: Interessiert am Hausarztberuf, aber abgeschreckt von System – Ärztekammer will Lösungen mit allen Stakeholdern suchen

Medizinstudierende und Turnusärzte interessieren sich durchaus für das Berufsbild Allgemeinmedizin, v.a. aufgrund der persönlichen und langfristigen Arzt-Patienten-Beziehung und der vielfältigen Herausforderungen des Fachs. Dass sich trotzdem immer weniger für die Ausbildung zum Allgemeinmediziner entscheiden, liege hauptsächlich daran, dass die Bedingungen für niedergelassene Allgemeinmediziner im heimischen Gesundheitswesen, insbesondere im Kassensystem, als sehr ungünstig wahrgenommen werden. Dies ist – äußerst verknappt – das Fazit einer umfassenden Studie, die das Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV) der Medizinuniversität Graz in Kooperation mit der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) durchgeführt hat.

Steinhart: System soll motivieren, nicht abschrecken

Für den Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und ÖÄK-Vizepräsidenten Johannes Steinhart wäre es „fahrlässig, die durch diese Studie empirisch belegten Erwartungen des medizinischen Nachwuchses zu ignorieren“. Die Österreichische Ärztekammer wolle, dass auch in Zukunft noch genügend praktische Ärztinnen und Ärzte für die Betreuung der Bevölkerung zur Verfügung stehen, und zwar auch im Rahmen des Kassensystems, so Steinhart. Denn das starke Bedürfnis nach einem niederschwellig erreichbaren Haus- und Vertrauensarzt sei einkommensunabhängig.

„Wir müssen daher alles daransetzen, die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen so gestalten, dass sie den medizinischen Nachwuchs nicht abschrecken, sondern motivieren. Nur so werden wir langfristig genug Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner im Kassensystem haben und nur so ist zu gewährleisten, dass der von den Patienten höchst geschätzte Hausarzt nicht zum Luxusgut für Privatversicherte wird.“ Dabei gehe es keineswegs nur, aber auch um das Einkommen. Ziel müsse eine Angleichung der Allgemeinmediziner-Tarife an die der Fachärzte sein, so Steinhart. Weiters sollten rund 500 zusätzliche Kassenstellen für Praktiker geschaffen werden, damit weniger Patienten auf einen Arzt kommen und somit mehr Zeit für den einzelnen Patienten bleibe.

Die vorliegende Studie sei jedenfalls „der Ausgangspunkt für einen mehrstufigen Kommunikations- und Entscheidungsprozess mit wichtigen Stakeholdern der Gesundheitspolitik“, sagte der ÖÄK-Vizepräsident. Bilaterale Gespräche über die von der Studie aufgezeigten Handlungsfelder seien bereits im Gange. Auch die Betroffenen selbst – Medizinstudierende und Jungärzte – wolle die Ärztekammer weiterhin in ihr Engagement für die Allgemeinmedizin einbeziehen, betonte Steinhart.

Poggenburg: Wertschätzung enorm wichtig

Einige der wichtigsten Erkenntnisse dieser bislang größten österreichischen Befragung von Jungmedizinern zum Berufsbild Allgemeinmedizin fasste Studienautorin Stephanie Poggenburg (IAMEV) zusammen: „Die hohe Rücklaufrate von 13,7 Prozent gewährleistet ein valides Stimmungsbild der Medizinstudierenden und Turnusärzte in Österreich. Grundsätzlich möchten nur zwei Prozent der Studierenden, aber immerhin 16 Prozent der Turnusärzte sicher Allgemeinmediziner werden – insgesamt wohl zu wenige, um den Bedarf an Kassen-Allgemeinmedizinern in einer wachsenden und alternden Gesellschaft zu decken.“

Für den Beruf des Hausarztes spreche nach Meinung von fast drei Viertel der Befragten die langjährige Arzt-Patienten-Beziehung. Geschätzt würde aber auch die breite Palette an medizinischen Herausforderungen von banalen Erkrankungen bis zum Notfall, beim Kleinkind genauso wie beim alten Menschen. – Abgehalten fühle sich der Großteil der Befragten durch die Bedingungen im Kassensystem: zu wenig Zeit für Patienten, zu viel Bürokratie und zu geringes Einkommen im Vergleich zu Fachärzten. Auch dem Medizinstudium würden beide Gruppen ein schlechtes Zeugnis ausstellen, „man fühlt sich nicht gut vorbereitet auf die Arbeit als Hausarzt“.

Laut Studienautorin Stephanie Poggenburg spielt auch die Wertschätzung der Allgemeinmedizin eine „immens wichtige Rolle“: „Weder Turnusärzte noch Studierende bezweifeln, dass Hausärzte bei Patienten ein hohes Ansehen genießen, aber beide Gruppen meinen, dass die Wertschätzung durch politische Entscheidungsträger sehr gering ist.“ Nicht einmal jeder zehnte Befragte fühle sich von den aktuellen gesundheitspolitischen Debatten zu einer Entscheidung für die Allgemeinmedizin motiviert. Das heimische Gesundheitssystem könne gar nur vier Prozent der Studierenden und fünf Prozent der Turnusärzte dazu verlocken, den Hausarztberuf zu ergreifen, sagte Studienautorin Stephanie Poggenburg.

Während Turnusärzte die Niederlassung dem Spital deutlich vorzögen, seien für Studierende beide Bereiche etwa gleich interessant. Bei der Frage selbstständig oder angestellt zeigten beide Gruppen eine deutliche Präferenz für Ersteres, idealerweise als selbstständiger Arzt in einer Gemeinschaftspraxis. Aber auch die „klassische“ Einzelpraxis sei keineswegs „out“: Immerhin fast jeder zweite Befragte bevorzuge diese Arbeitsform. Hervorzuheben sei weiters, so Poggenburg, dass sich gut jeder zweite Turnusarzt eine Tätigkeit auf dem Land vorstellen könne, „bei jenen, die sicher in die Allgemeinmedizin wollen, sind es sogar 74 Prozent“.

Wutscher: Positives Potenzial fördern

Erfreut über den prinzipiell hohen Zuspruch von Jungmedizinern und Studenten zum Hausarztberuf zeigte sich der Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin der ÖÄK, Edgar Wutscher: „Die Studierenden und jungen Kolleginnen und Kollegen erkennen offenbar ganz genau, worauf es in der Allgemeinmedizin ankommt. Was sie reizt, war auch schon für mich essenziell, als ich mich vor über 30 Jahren als Hausarzt in Sölden niedergelassen habe: Entscheidungsfreiheit, Selbstständigkeit, Vielfalt und die persönliche, ja sehr oft herzliche Beziehung zu meinen Patienten und ihren Familien über Generationen hinweg.“

Mit den Vorbehalten gegenüber den Arbeitsbedingungen von Kassenärzten und der aktuellen Ausbildungssituation würde der medizinische Nachwuchs aber auch zielsicher den Finger in die Wunde legen, so der Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin. „Im Kassensystem brauchen wir weniger Bürokratie, eine Entstaubung des Tarifsystems und einen modernen Leistungskatalog.“ Auch sei es „unumgänglich, schon den Studierenden die allgemeinmedizinische Praxis nahezubringen“.

Ziel müsse es daher sein, das positive Potenzial der künftigen Ärztegeneration zu stärken: „Wir laden alle relevanten Vertreter des Gesundheitswesens dazu ein, gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer Lösungen zu erarbeiten“, so Wutscher. „Die vorliegende Studie ist ein klares Plädoyer für eine Vielfalt an Tätigkeitsformen, auch und vor allem in der Allgemeinmedizin.“ Und sie zeige auch, dass das Modell der „Einzelkämpferpraxis“ keineswegs obsolet ist, wie von manchen Vertretern der Gesundheitspolitik behauptet.

Kornhäusl: Lehrpraxis-Finanzierung sichern

„Um die Versorgung vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sicherzustellen, muss die Politik bereit sein, auf die Bedürfnisse der nachkommenden Mediziner-Generation einzugehen. Eine Politik, die das ignoriert, wird dem Ärztemangel nicht wirksam gegensteuern können“, sagte der Obmann der Bundessektion Turnusärzte der ÖÄK, Karlheinz Kornhäusl. Insbesondere sei die öffentliche Finanzierung der Lehrpraxis endlich zu garantieren. Hier könne man keinerlei Verunsicherung brauchen, „denn sehr oft sind es die konkreten positiven Erfahrungen in der Lehrpraxis, die den Ausschlag für die Niederlassung als Allgemeinmediziner geben“, erklärte der Obmann der Bundessektion Turnusärzte.

„Wir werden die Allgemeinmedizin in Zukunft noch viel dringender brauchen, als das jetzt schon der Fall ist“, so Kornhäusl. Denn eine alternde Gesellschaft bedeute einen höheren Versorgungsbedarf: Immer mehr Erkrankungen, die noch vor einigen Jahren zum Tod geführt hätten, seien heute chronische Erkrankungen, mit denen man durchaus leben könne, „aber sie erfordern die kontinuierliche Betreuung und umsichtige Koordination durch Haus- und Vertrauensärzte“.

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