Kritik der Stellungnahme von EASAC an der Homöopathie
Kritik der Stellungnahme von EASAC an der Homöopathie
Kritik der Stellungnahme von EASAC an der Homöopathie
Michael Frass
Michael Frass
Arzt
Kritik der Stellungnahme von EASAC an der Homöopathie

Kritik der Stellungnahme von EASAC an der Homöopathie

EASAC hat die Wirksamkeit der Homöopathie sowie die Qualität der homöopathischen Arzneiherstellung bezweifelt. Bei kritischer Analyse zeigen sich jedoch schwere Fehler sowie antiquierte unwahre Behauptungen

Im September 2017 wurde von EASAC, the European Academies’ Science Advisory Council, ein “Statement“ unter dem Titel “Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU” veröffentlicht. In dieser Erklärung werden verschiedene Behauptungen aufgestellt, die in dieser Form nicht den Tatsachen entsprechen. Im Folgenden wird von WissHom zu den einzelnen Punkten Stellung genommen:

 

Zunächst muss festgehalten werden, dass EASAC keine offizielle Position in der EU innehat. Es ist ein Zusammenschluss von 27 Mitgliedern nationaler Akademien der Wissenschaften (AW) und stellt die Meinung einzelner in ihren jeweiligen Fachgebieten renommierter Wissenschaftler dar. Dabei ist auffällig, dass ein kursorisches Nachschlagen im Internet darauf hinweist, dass die jeweiligen Vertreter nicht im medizinischen Bereich sind oder waren, primär medizinisch-theoretisch geforscht, sowie entweder schon lange nicht oder überhaupt nie am Patienten gearbeitet haben. Dies ist ein häufig beobachtetes Phänomen, dass sich Wissenschaftler, die kein oder nur eine sehr begrenzte Erfahrung in der Behandlung kranker Menschen und damit deren tatsächlicher Nöte haben, zu Wort melden. Auf die Hinzuziehung von Experten auf dem Gebiet der Homöopathie wird dabei gerne verzichtet.

 

In der Einleitung (Punkt 1) wird angemerkt, dass EASAC nicht auf das Verbot homöopathischer Produkte abzielt und die Wahl des Konsumenten vorrangig bleibt. Zudem hat sich EASAC nicht der Mühe unterzogen, die bestehende Studienlage neu zu bewerten. EASAC möchte die Politik in der EU und in anderen europäischen Ländern ansprechen.

 

Unter Punkt 2.1 wird der Markt für homöopathische und anthroposophische  Präparate nach Daten von ECHAMP (European Coalition of Homeopathic and Anthroposophic Medical Products) in der EU mit etwa 1 Milliarde Euro angegeben. Dies entspricht etwa 7% aller komplementärmedizinischen Produkte. Der Gesamtumsatz konventioneller pharmazeutischer Produkte alleine in Deutschland beläuft sich auf 40 Milliarden Euro.

 

Bei der letzten Forsa Umfrage, in Auftrag gegeben vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in Deutschland, haben im Mai 2017 49% von 1.502 Befragten mit einem Alter ab 18 Jahren angegeben, schon einmal Erfahrung mit Homöopathie gemacht zu haben. 72% derjenigen PatientInnen, die Homöopathie in Anspruch genommen haben, waren mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit zufrieden oder sehr zufrieden. 73% aller Befragten finden es wichtig oder sehr wichtig, dass die Kosten für ausgewählte Leistungen der Homöopathie von den Krankenkassen erstattet werden sollten.

 

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften konstatiert (Punkt 2.3), es gäbe keine wissenschaftliche Evidenz für die klinischen Effekte homöopathischer Präparate. Tatsächlich hat der unabhängige Schwedische Anästhesieforscher Robert Hahn (selber kein Homöopath) wissenschaftlich untermauert klargestellt, dass man über 90% der homöopathischen klinischen Studien negieren müsste um behaupten zu können, Homöopathie sei unwirksam (Hahn 2013). Zudem werden von den Gegnern fehlerhafte statistische Methoden angewandt.

 

Unter Punkt 3.2 wird die Lancet Studie angeführt (Shang et al 2005). Bekanntlich sind die für ein Qualitätsjournal unfassbaren Fehler bis heute unwidersprochen (Frass et al 2006). Beginnend beim Fehler im Titel „Comparative“ ist diese Studie in der Tat kein Vergleich sondern eine Analyse von je 110 Arbeiten der konventionellen und der homöopathischen Medizin. Dabei wurde konstatiert, dass die Qualität der homöopathischen Studien besser als die der konventionellen Studien ist. Verblüffenderweise fehlt aber in der Arbeit die Darstellung der Ergebnisse dieser je 110 Studien, die sognannten Odds ratios. Dann erfolgte eine Reduktion der je 110 Studien auf 6 in der konventionellen und auf 8 in der homöopathischen Medizin. Erst dann wurde festgestellt, dass es keine Wirksamkeit für die Homöopathie gäbe. Diese Feststellung wurde mit dem Hinweis auf Funnel plots untermauert, die jedoch für heterogene Studienbeurteilungen ungeeignet sind. Zudem ist die in der Methodik nicht angeführte Reduktion auf insgesamt 14 Studien eine spätere Überlegung, die offensichtlich ausgeführt wurde, da das gewünschte Resultat nicht erreicht werden konnte („Post festum Hyptheses“). Eine Post festum Hypothese kann niemals zur ausschließlichen Beurteilung einer Studie herangezogen werden. Es gibt noch weitere schwere methodologische Fehler in dieser Arbeit. Besonders peinlich für Lancet ist die Kommunikation des „Letters to the Editor“ von Frass et al, der unter unwahren Behauptungen abgelehnt wurde.

 

Die sogenannte „australische Studie“ wird so dargestellt, als ob es sich dabei um eine, einer wissenschaftlichen Studie ebenbürtige, Arbeit handelt. Tatsächlich handelt es sich um eine Regierungsvorlage, die den einfachsten Standards der Evidence based Medicine widerspricht: So wurden alle Studien mit einer Teilnehmerzahl kleiner 150 ausgeschlossen, eine Vorgangsweise, die nicht einmal von Cochrane, der obersten Behörde zur Beurteilung von medizinischen Interventionen, gefordert wird. Wie Alexander Tournier vom Homoeopathic Research Institute anführt, handelt es sich hier um eine Täuschung der Öffentlichkeit (http://www.homoeopathie-online.info/australische-homoeopathie-studie-eine-taeuschung-der-oeffentlichkeit/).

 

Unter 3.3. wird die Qualitätskontrolle und Sicherheit unter Hinweis auf Belladonna –assoziierte Todesfälle bei Kindern in den USA hingewiesen. Unter Vernachlässigung des Hinweises, dass es sich bei den USA um ein nicht-europäisches Land mit bekanntlich niedrigeren Standards bezüglich Qualitätskontrolle handelt, weiters die homöopathischen Präparate nicht wie in Europa dem Arzneimittelgesetz unterliegen, werden hier falsche Tatsachen kolportiert. Die tatsächliche Konzentration von Belladonna bewegte sich weit unter der Toxizitätsgrenze. Auf der WissHom Website wurde dazu ausführlich Stellung bezogen: In den genannten homöopathischen Komplexmitteln der zwei Hersteller wurden materielle Dosen von Belladonna-Alkaloiden gefunden, die bei korrekter Herstellung nicht enthalten sein können. Das kann nur durch schwere Herstellungsfehler erklärt werden. Nach europäischen Richtlinien zur Kontrolle von Arzneimitteln wäre das nicht passiert.

 

Die 10 berichteten Todesfälle von 2007 bis 2014 sind unentschuldbar und eine Katastrophe für die Betroffenen und Angehörigen. Sie haben aber nichts mit der Therapiemethode zu tun, sondern allenfalls mit unkorrekter Herstellung der Arzneimittel. In den seit 2011 produzierten Mitteln wurden Konzentrationen von Atropin und Scopolamin gefunden, die nicht ausreichend sind, um den Tod eines Kindes herbeizuführen. Dazu müsste ein 5 kg schwerer Säugling 10.000 Tabletten schlucken (http://www.wisshom.de/index.php?menuid=358).

 

In diesem Zusammenhang gilt es die Stellungnahme des BPI zu beachten, in der klar dargestellt wird, dass durch die EU Legislative die Qualität und Sicherheit homöopathischer Präparate klar geregelt ist, sowie dieselben Standards wie bei anderen Arzneimitteln auch angewandt werden. Homöopathische Präparate sind auch als solche eindeutig gekennzeichnet. Das BPI stellt fest, dass das Statement keinerlei Neuigkeiten enthält.

 

Was nun die kritische Stellungnahme verschiedener Länder zur Anwendung homöopathischer Arzneimittel betrifft (Punkt 3.6), so wird (ebenso wie in den meisten Medien) elegant verschwiegen, dass seit 1. August 2017 die Anwendung von vier komplementärmedizinischen Methoden in der Schweiz eine Pflichtleistung der Krankenkassen geworden ist. Dies erst nach einer Volksabstimmung und zwei ausführlichen wissenschaftlichen Untersuchungen.

 

Die unter Punkt 4 gemachten Schlussfolgerungen sind, wie teilweise schon weiter oben ausgeführt, unwissenschaftlich und unwahr. Die Behauptung, Homöopathie kann gesundheitsschädlich sein ist eine Plattitüde, die in gleicher Form auch auf die konventionelle Medizin angewandt werden kann: Wenn man mit dem Auto zu schnell in eine enge Kurve fährt, das Auto sich überschlägt und man verletzt aussteigt, so ist wohl nicht das Auto sondern der Fahrer schuld. Homöopathie muss selbstverständlich professionell betrieben werden. Solch einfache Zusammenhänge sollten eigentlich auch Mitgliedern der jeweiligen Akademien der Wissenschaften vertraut sein. Wir empfehlen, mit Verallgemeinerungen bei Unkenntnis der praktischen Medizin zurückhaltender zu sein. Es erstaunt, dass die Grundbegriffe der Evidence based medicine bezüglich Auswertung von Studien den Verfassern offensichtlich unbekannt sind. Aus Gründen der Objektivität raten wir dazu dieses „Statement“ zurückzuziehen um den hohen wissenschaftlichen Standard der Akademien der Wissenschaften nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

 

Hahn RG. Homeopathy: meta-analyses of pooled clinical data. Forsch Komplementmed 2013;20:376-81. doi: 10.1159/000355916. Epub 2013 Oct 17. Review.

 

Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005 Aug 27-Sep 2;366(9487):726-32

 

Frass M, Schuster E, Muchitsch I, Duncan J, Geir W, Kozel G, Kastinger-Mayr C, Felleitner AE, Reiter C, Endler C, Oberbaum M. Asymmetry in The Lancet meta-analysis. Homeopathy 2006;95:52-3

 

NHMRC. Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions (2015). https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02a_information_paper.pdf

 

Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V.

http://www.bpi.de/fileadmin/media/bpi/Downloads/Internet/Publikationen/Positionspapiere/2017-09-28_BPI-Position_on_EASAC_Publication.pdf

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