Physikalische Medizin kombiniert hohe Wirkung mit geringsten Nebenwirkungen
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Physikalische Medizin kombiniert hohe Wirkung mit geringsten Nebenwirkungen

Physikalische Medizin kombiniert hohe Wirkung mit geringsten Nebenwirkungen

Enormes Einsparungspotenzial durch konsequente und rechtzeitige Anwendung

Physikalische Medizin kombiniert hohe Wirkung mit geringsten Nebenwirkungen, bei kompetentem Einsatz individueller Behandlungsansätze werden in mindestens 90 Prozent der Fälle die Therapieziele der Patienten erreicht. Die konsequente Anwendung erspart Operationen, verkürzt Krankenhausaufenthalte und reduziert Folgekosten. Früh-Reha-Teams verkürzen den Aufenthalt auf der Intensivstation. Das berichten Vertreter der „Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation“ anlässlich der Jahrestagung der ÖGPMR (17.-18.11, Linz) bei einem Pressegespräch in Wien. Trotz des wachsenden Bedarfs bestehe eine eklatante Unterversorgung, wodurch notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben. Dem sollte die Gesundheitspolitik insgesamt so schnell wie möglich entgegenwirken, sagen die Experten bei einem Pressegespräch.

 

Die PMR hat einen gesamtheitlichen Ansatz, befasst sich mit medizinischen State of the Art-Behandlungen und greift dabei auf ein vielschichtiges Instrumentarium zurück: Physikalische Reize zur therapeutischen Anwendung kommen u. a. aus den Bereichen Temperatur, Elektrizität, Licht, Klima und Mechanik.

Dieses Bündel an möglichen Interventionen gilt es in jedem Einzelfall bestmöglich den Beschwerden und Verträglichkeiten der Betroffenen anzupassen und wenn nötig mit Therapieangeboten aus anderen Fachgebieten zu kombinieren,

so Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna (Leiter der Univ.-Klinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der MedUni Wien; Präsident der ÖGPMR). „Grob gesagt, versuchen wir durch verschiedene Reize Reaktionen im Körper hervorzurufen, die nach mehrmaliger Anwendung zu einer Regulation und/oder Umstimmung von gestörten Körperfunktionen führen sollen. Damit wird eine Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegenüber bestimmten Reizen erreicht. Umgangssprachlich formuliert, ist das nichts anderes als ein Trainingseffekt, man könnte auch sagen: eine ‚Abhärtung‘.“

 

Studie: Sechs von zehn Teilnehmern benötigen keine Medikamente mehr

 

Dass vorrangig, wie auch in den Leitlinien des American College of Physicians (ACP) empfohlen, nicht auf nichtmedikamentöse Behandlungen gesetzt wird, mache die Therapien nicht weniger wirksam. Wie zum Beispiel eine Beobachtungsstudie der MedUni Wien zeigt, sorgen bei Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden bereits zehn Sitzungen dafür, dass die Schmerzen abnehmen und die Beweglichkeit zunimmt. Parallel dazu steigt das Wohlbefinden. Insbesondere kommt es zu keinen zentralnervösen Störungen wie Übelkeit, Konzentrationsschwächen, Einschränkung der Fahrtüchtigkeit, etc. Prof. Crevenna: „Damit sind physikalische Anwendungen auch für schwerstkranke und multimorbide Patienten geeignet. Ebenso lassen sich geriatrische Patienten, Schwangere, Kinder- und Jugendliche sowie Patienten mit Allergien im Zusammenhang mit Schmerzmedikamenten gut behandeln.“

 

Spezialgebiet: Rehabilitation nach onkologischen Erkrankungen

 

Die Physikalische Medizin kümmert sich vorrangig um komplexe Probleme, Schmerzen und Störungen des Bewegungsapparates, etabliert sich aber auch in mehreren Spezialgebieten. So kann in der Rehabilitation nach onkologischen Erkrankungen durch eine gezielte medizinische Trainingstherapie Symptomen wie dem Erschöpfungssyndrom entgegengewirkt werden. Eine 2017 erschienene Studie der MedUni Wien zeigt, dass gezieltes Training bei Patienten mit Prostatakrebs zu einer Stärkung der Muskulatur und einer signifikanten Optimierung des Körperfettanteils geführt hat. Insgesamt wurden die Teilnehmer deutlich leistungsfähiger (1).

 

Prim. Wiederer: „Physikalische Medizin erfordert sehr individuelle Therapieansätze.“

 

Behandlungsziele und die individuelle Verträglichkeit von physikalmedizinischen Therapien sind sehr unterschiedlich. „Es geht darum, aus den vielschichtigen Therapieangeboten der Physikalischen Medizin ein jeweils individuelles Maßnahmenpaket zusammenstellen, das Patienten eine nach ihren Wünschen und Möglichkeiten definierte Teilnahme am Leben ermöglicht“, so Prim. Dr. Christian Wiederer (Ärztlicher Direktor Klinikum am Kurpark Baden für Orthopädie und Rheumatologie; Ärztlicher Leiter DAS KURHAUS Bad Gleichenberg; Juniorpräsident der ÖGPMR).

Nur ein multimodales und vielschichtiges Behandlungsregime – angefangen von der Heilmassage, über Physio-, Thermo-, Elektro- oder Ergotherapie, in manchen Fällen bis hin zu unterstützenden psychotherapeutischen Verfahren – kann sicherstellen, dass möglichst vielen Patienten der Wiedereinstieg in ein aktives und selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird.

Dabei ist es wichtig, keine Luftschlösser zu bauen, sondern gemeinsam mit den Betroffenen realistische Therapieziele zu erarbeiten.“

 

Neue Methoden erweiterten das Repertoire – Therapieziele in 90 Prozent der Fälle erreicht

 

Dass dies immer öfter gelingt, ist auch einer Vielzahl an neuen Methoden zu verdanken. So ermöglicht es die erst seit wenigen Jahren etablierte Faszientherapie besser, bestimmte Läsionen in den Gewebestrukturen zu optimieren und die Beweglichkeit schneller wieder herstellen zu können. Bei einer Faszientherapie werden Teile des Bindegewebes wieder mobilisiert, die Muskelfasern, Muskelbündeln und die Organe umschließen. Ähnliches gilt für die Stoßwellentherapie, bei der Schallwellen zur Behandlung von Kalkdepots im Sehnenbereich oder zur Arthrose-Behandlung eingesetzt werden. Prim. Wiederer: „Heute gelingt es uns in mindestens 90 Prozent der Fälle, die individuellen Therapieziele unser Patientinnen und Patienten zu erreichen.“

 

Prof. Paternostro-Sluga: Weniger Operationen und verkürzte Krankenhausaufenthalte

 

„Unser Blick auf die Patientinnen und Patienten ist holistisch und ‚weitwinkeliger‘. Mit diesem Ansatz decken wir in den Krankenhäusern gleich zwei wichtige Bereiche ab“, so Univ.-Prof. Prim. Dr. Tatjana Paternostro-Sluga (Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Sozialmedizinisches Zentrum Ost-Donauspital; Seniorpräsidentin der ÖGPMR). Zum einen beginnen Physikalische Mediziner bereits in der Akutphase einer Behandlung mit der Früh-Rehabilitation, zum anderen sind sie die Spezialisten für komplexe und multifaktorielle Probleme sowie Komplikationen in der Nachbehandlung. Prof. Paternostro-Sluga: „Unser Fokus liegt auf der Vielzahl an Problemen und Komplikationen, die in der Folge der Grunderkrankung oder durch den Krankenhausaufenthalt selbst entstehen können. In vielen Fällen gilt es dabei, Schmerzen so rechtzeitig zu bekämpfen, dass Chronifizierungen erst gar nicht entstehen können und vor allem die Bewegungsfunktionen zu erhalten, die für eine frühestmögliche Mobilisierung der Patienten unabdingbar sind.“

 

Heute sehen wir uns mit vielen Anfragen der Kollegen konfrontiert, die therapieresistente Patienten – noch bevor sie einen Operationstermin ansetzen – mit der Frage zu uns schicken, ob das Problem nicht doch auch konservativ gelöst werden kann, berichtet die Expertin. In vielen Fällen gelingt das mit dem breitgefächerten und vielseitig kombinierbaren physikalischen Behandlungsangebot tatsächlich. „Leider reichen die vorhandenen Kapazitäten nicht überall in Österreich dazu aus, aufwändige und auch nicht immer risikolose Operationen durch weit billigere und sanftere physikalmedizinische Ansätze zu ersetzen“, so Prof. Paternostro-Sluga.

 

Früh-Reha-Teams verkürzen Aufenthalt auf der Intensivstation

 

Dass eine Verbreiterung dieses Angebots nicht nur vielen Patienten Leid, sondern den Krankenhausträgern massiv Kosten ersparen würde, geht nicht zuletzt aus einer aktuellen Studie hervor. Dabei wurde untersucht, ob und wie sich der Einsatz eines physikalisch-medizinischen Früh-Reha-Teams auf einer Intensivstation auswirkt. Es konnte gezeigt werden, dass Schwerstkranke zum Beispiel durch eine gezielte muskuläre Elektrostimulation schneller wieder – im Wortsinn – „auf die Beine“ kommen. Dabei werden Muskelpartien genau in der Reihenfolge bestimmter Bewegungsabläufe stimuliert und so wird die Bewegungsfähigkeit verbessert (2). „Solche Maßnahmen machen sich mehrfach bezahlt: Im Schnitt konnten die Intensivpatienten nach der begleitenden Behandlung durch ein Früh-Reha-Team um durchschnittlich 7 Tage früher entlassen werden“, so Mit-Autorin Prof. Paternostro-Sluga.

 

Dr. Hartl: „Jeder Euro für die Physikalische Medizin spart zwei Euro an Folgekosten.“

 

„Wir sehen uns heute in der Physikalischen Medizin und Rehabilitation mit einem stetig wachsenden Bedarf konfrontiert“, so MR Dr. Friedrich Hartl (Obmann der Bundesfachgruppe Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation der Österreichischen Ärztekammer; Präsidiums-Mitglied der ÖGPMR). Zum einen werden die Menschen immer älter, wodurch die Zahl der Abnützungsbeschwerden und Degenerationserkrankungen steigt. Zum anderen sorgen die Fortschritte in der modernen Medizin dafür, dass immer mehr Menschen schwere Krankheiten überleben, in der Folge aber Nachbehandlungen und Rehabilitation brauchen. Und nicht zuletzt suchen immer mehr Betroffene nach nebenwirkungsarmen Alternativen zur medikamentösen Schmerztherapie.

 

Unterversorgung trotz steigender Nachfrage

 

„Wie in den meisten anderen Fächern gibt es trotz des wachsenden Bedarfs im gesamten PMR-Bereich eine eklatante Unterversorgung, selbst an der Spitze der Versorgungspyramide“, so Dr. Hartl. „Das führt zwangsläufig dazu, dass notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben. Dem sollte die Gesundheitspolitik insgesamt so schnell wie möglich entgegenwirken.“

 

Es sei absehbar, dass durch die weiter steigende Lebenserwartung künftig noch mehr Leistungen der PMR zur Unterstützung des Heilungsprozesses, zur Schmerzlinderung, zur Verbesserung der funktionellen Selbständigkeit und Arbeitsfähigkeit, zur Reintegration in das bisherige Wohnumfeld sowie zur Verringerung des Betreuungs- und Pflegebedarfs erforderlich sind, sagt Dr. Hartl. Was für eine bedarfsgerechte Versorgung nötig wäre, wurde von einer Expertengruppe, der auch Prof. Crevenna angehörte, in Kooperation mit der Gesundheit Österreich GmbH in einer Studie mit Planungshorizont 2030 als Vorbereitung zur Darstellung des Faches im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) aufgezeigt: Die Abschätzung des künftigen Versorgungsbedarfes (Basis 2015) ergab für den Akutstationären Bereich bis 2020 ein Plus von 9 Prozent, bis 2030 ein Plus von 22 Prozent. Für den Spitalsambulanten Bereich wurde bis 2020 ein Bedarfsplus von 8 Prozent, und bis 2030 ein Plus von 18 Prozent errechnet. Für den Extramuralen Bereich soll das Bedarfsplus bis 2020 8 Prozent und bis 2030 15 Prozent betragen.

 

Enormes Einsparungspotenzial durch konsequenten Einsatz Physikalischer Medizin

 

Dass sich jede Investition in den Ausbau der physikalmedizinischen Versorgung auch gesamt gesehen rechnen würde, liegt auf der Hand. Rechtzeitig angewandt, sorgt die physikalische Kombinationsbehandlung dafür, dass der übliche Teufelskreis „Schmerz – Vermeidungshaltung – noch mehr Schmerz“ rechtzeitig durchbrochen werden kann. „Das ist ein preiswerter, effektiver und schonender Weg, Chronifizierungen, Krankenstände, weitere Krankenhausaufenthalte, Invalidität und Arbeitsunfähigkeiten zu vermeiden“, sagt Dr. Hartl. „Alleine bei den Krankenstandkosten im Bereich Stütz- und Bewegungsapparat, die 2013 rund 2,13 Milliarden Euro ausgemacht haben, können durch die adäquate physikalische Kombinationsbehandlung mehr als 23 Prozent, also zirka bis zu 500 Millionen, eingespart werden (3). Grob geschätzt erspart ein für PMR ausgegebener Euro allein bei diesem Kostenfaktor zwei Euro an Folgekosten.“

 

Literatur:

 

(1) M. Keilani et al: Effects of resistance exercise in prostate cancer patients: a meta-analysis; Support Care Cancer (2017) 25:2953–2968; DOI 10.1007/s00520-017-3771-z; M. Keilani et al: Resistance exercise and secondary lymphedema in breast cancer survivors—a systematic review; Support Care Cancer (2016) 24:1907–1916; DOI 10.1007/s00520-015-3068-z

 

(2) Gruther W, Pieber K, Steiner I, Hein C, Hiesmayr JM, Paternostro-Sluga T.: Can early rehabilitation on the general ward after an intensive care unit stay reduce hospital length of stay in survivors of critical illness. Am J Phys Med Rehabil 2017; Vol 96(9):607-615

 

(3) Statistik Austria: Bevölkerung zu Jahresbeginn 2002-2017 nach fünfjährigen Altersgruppen und Geschlecht bzw. Vorausberechnete Bevölkerungsstruktur für Österreich 2015-2100 laut Hauptszenario;

Quelle: Presseaussendung B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung / Fotocredit: © B&K/Nicholas Bettschart

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