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Herzinsuffizienz: Behandlungsnetzwerke erhöhen Lebensqualität und Lebenserwartung

Kardiologen-Gesellschaft fordert Spezialisierung für Herzinsuffizienz


Bereits jeder zehnte Über-70-Jährige ist an Herzinsuffizienz erkrankt, einer unterschätzten, aber sehr gefährlichen Krankheit mit hohem Sterblichkeits-Risiko, die epidemische Ausmaße annimmt. In der Behandlung gibt es immer wieder beeindruckende Fortschritte, die eine Verbesserung der Symptomatik und Lebensqualität und eine Verringerung der Spitalsaufnahmen und Sterberaten bewirken können. Spezialisten kritisieren anlässlich des „Europäischen Tages der Herzinsuffizienz“, dass diese Erfolge nicht ausreichend bei den Patienten ankommen und die Versorgung in Österreich dringend verbessert werden muss: Mit wirksamen Netzwerken und der Weiterentwicklung der Spezialisierung – ein Curriculum wurde bereits erarbeitet.

 

„Immer mehr Menschen in Europa erkranken an Herzinsuffizienz (HI, „Herzschwäche“), einer unterschätzten, aber sehr gefährlichen Krankheit mit hohem Sterblichkeits-Risiko, von der zumindest ein bis zwei Prozent aller Erwachsenen betroffen sind. Die Herzinsuffizienz ist eine Krankheit vor allem des älteren Menschen – 80 Prozent sind über 65 Jahre alt. Von den Über-70-Jährigen sind bereits 10 Prozent daran erkrankt, und diese Bevölkerungsgruppe wächst kontinuierlich“, sagt OA Priv.-Doz. Dr. Deddo Mörtl (ehem. Leiter der AG Herzinsuffizienz der ÖKG; Leiter der Herzinsuffizienz-Ambulanz des Universitätsklinikums St. Pölten) anlässlich des Europäischen Tages der Herzinsuffizienz (5. bis 7. Mai), der heuer zum 9. Mal stattfindet.

Dementsprechend bezeichnet man die Herzinsuffizienz auch als eine Epidemie, die uns in naher Zukunft vor massive gesundheitspolitische Probleme stellen wird.

Laut Deutschem Herzbericht stieg in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren die Hospitalisationsrate wegen Herzschwäche um mehr als 100 Prozent. In Österreich ist sie die häufigste Diagnose bei stationär behandelten Patienten, bei den Über-65-Jährigen die häufigste Entlassungsdiagnose aus dem Spital.

 

„In der Behandlung der Herzinsuffizienz gab und gibt es immer wieder beeindruckende Fortschritte, die eine Verbesserung der Symptomatik und Lebensqualität und eine Verringerung der Spitalsaufnahmen und Sterberaten bewirken können“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Berger (Leiter der AG Herzinsuffizienz der ÖKG; KH der Barmherzigen Brüder Eisenstadt). „Jetzt geht es darum, dass diese Fortschritte auch praktisch bei den Patienten ankommen, die davon profitieren können. Hier haben wir in Österreich noch einen Nachholbedarf.“

 

Aufbau qualitätsgesicherter integrierter Versorgungsstrukturen

 

Zahlreiche Europäische Länder wie Deutschland machen es bereits vor: Medizinische Fachgesellschaften haben sich dort die Förderung des Aufbaus qualitätsgesicherter integrierter Versorgungsstrukturen für HI-Patienten zur Aufgabe gemacht. Der organisatorische Zusammenschluss von Leistungserbringern in einem HI-Netzwerk (Heart Failure Network, HF-NET) dient der Umsetzung dieser Ziele. Diese Netzwerke bestehen aus Heart Failure Unit (HFU)-Schwerpunktpraxen/-ambulanzen, HFU-Schwerpunktkliniken und überregionale HFU-Zentren. Festgelegt wurden Standards und Qualitätsmerkmale für die stationäre und poststationäre ambulante Versorgung sowie für den Übergang zwischen den Versorgungsebenen. Nach diesen Kriterien können sich interessierte Kliniken und Praxen als HFU zertifizieren lassen.

 

Doz. Mörtl: „Das gehört in Österreich ebenfalls zügig umgesetzt. Solche Netzwerke erleichtern es Nicht-Spezialisten, sich bei Bedarf bei Spezialisten Rat zu holen. Deshalb hat auch die Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz kürzlich ein Positionspapier publiziert, in dem sie nachdrücklich für die Etablierung flächendeckender Disease Management Programme eintritt.“

 

Spezialisierung durch neues Curriculum Herzinsuffizienz

 

„Außer dem Schaffen wirksamer Netzwerke geht es uns um die Weiterentwicklung der Spezialisierung“, sagt Prof. Berger. Basierend auf den enormen Fortschritten im theoretischen Wissen und in den diagnostischen und therapeutischen Möglich­keiten hat sich die Herz-Medizin zunehmend in mehreren Bereichen spezialisiert. Das Curriculum Herzinsuffizienz, das von der Arbeitsgruppe HI erarbeitet wurde derzeit in der Begutachtungs-Phase ist, wurde international abgestimmt. Ziel der Spezialisierung ist eine über den Facharztstandard hinausgehende Ausbildung von Ärzten zum Thema akute und chronische Herzinsuffizienz in allen Stadien. Dabei werden umfassende Kenntnisse in der Diagnostik, der medikamentös-konservativen und interventionellen, der elektrophysiologischen, „Device“- und der Intensiv-Therapie der HI erworben. Die Ausbildung dauert 24 Monate, in denen eine überwiegende Tätigkeit in der Versorgung von HI-Patienten stattfinden soll. Das erste Jahr soll eine allgemeine „Basis“-Ausbildung umfassen, im 2. Jahr werden spezielle Module gewählt werden, die zu vertieften Kenntnissen, Erfahrungen und/oder Fertigkeiten führen. Das Curriculum wird nach Vorlage definierter Kenntnisse, praktischer Erfahrungen und Fertigkeiten von der Arbeitsgruppe HI der ÖKG zertifiziert, wodurch die Qualität dieser Spezialisierung gesichert wird. Prof. Berger: „Dies betrifft sowohl die auszubildenden Kandidaten als auch deren Ausbildungsstätten.“

 

Aktuelle Therapie-Fortschritte

In der Behandlung der Herzinsuffizienz gab und gibt es immer wieder beeindruckende Fortschritte,

berichtet Prof. Berger.

 

Was Patienten selbst tun können: Angepasstes Training entlastet das Herz

 

Angepasstes körperliches Training kann bei HI-Patienten den Gesundheitszustand verbessern. Prof. Berger: „So kann zusätzlich zur medikamentösen Behandlung eine Entlastung des Herzens erreicht werden und es verringern sich die Spitalsaufenthalte.“ Vor Beginn des Trainingsprogrammes ist eine ärztliche Untersuchung mit Belastungstest und Echokardiographie erforderlich. Auf dieser Basis legt der Arzt die anfängliche Trainingsintensität fest.

 

Ob Ausdauertraining oder hochintensives Intervalltraining besser geeignet ist, wurde in der SMARTEX-Studie (Circulation 2017) untersucht: Die beiden Trainingsformen zeigten keinen Unterschied in den Ergebnissen, jedoch ist das Ausdauertraining einfacher durchzuführen. Dabei wird vier bis fünf Mal pro Woche trainiert, zunächst mit Einheiten von fünf bis zehn Minuten. Das wird gesteigert und die Intensität auf optimal 60 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme angepasst. Prof. Berger: „Durchgeführt wird das ärztlich überwachte Training am Besten in Herzsportgruppen oder zertifizierten Sportstudios, die speziell ausgebildetes Personal für die Betreuung von Herz-Patienten haben.“

 

Heart Failure 2018-Kongress von 26. bis 29. Mai in Wien – HI-Praterspaziergang am 28. Mai,18 Uhr

 

Von 26. bis 29. Mai 2018 findet in der Messe Wien der Heart Failure 2018-Kongress der European Society of Cardiology statt. Dann ist Wien für 4 Tage die Welthauptstadt der Herzinsuffizienz-Forschung. Im Rahmen des Kongresses soll mit einem Herz-Spaziergang auf die Bedeutung der Herzinsuffizienz und der richtig dosierten Bewegung hingewiesen werden.

 

Der HoT-Walk (Heart Failure Specialists of Tomorrow) startet am Montag, dem 28. Mai um 18 Uhr bei der Messe Wien (Messeplatz 1) und geht bis zum Riesenrad und wieder retour. Abschluss mit alkoholfreien Getränken ist wieder am Messeplatz. Mitgehen können alle, die das gerne möchten (Flyer zum Download hier).

 

Was alle wissen sollten: Typische Symptome einer Herzschwäche

 

Bei Herzinsuffizienz können unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen und in unterschiedlichen Kombinationen auftreten. Hinweise liefern die folgenden Symptome, die ärztlich abgeklärt werden sollten:

  • Die typischen Symptome sind Atemnot, speziell bei körperlicher Belastung – etwa beim Stiegen steigen – oder im Liegen, Leistungsabfall und Wassereinlagerungen („Ödeme“) und damit Schwellungen auf dem Fußrücken, an den Knöcheln oder am Schienbein;
  • Weitere Symptome können sein sichtbar gestaute Halsvenen, Harndrang in der Nacht, feucht-kalte Haut, Unruhe, schneller Puls, unregelmäßiger Herzrhythmus, Herzklopfen;
  • Es kann auch zu Schwindel, Verwirrtheit, Ängsten und Depressionen kommen.

Quellen:

 

  • Deutscher Herzbericht 2017 (publiziert im Jänner 2018)
  • Praxisleitfaden zur Diagnostik und Therapie der Herzinsuffizienz – Basierend auf den ESC-Guidelines 2016 zur Diagnose und Behandlung der akuten und chronischen Herzinsuffizienz; Wissenschaftliche Leitung: Univ.-Doz. Dr. Martin Hülsmann, Priv.-Doz. Dr. Deddo Mörtl; Wien 2018;
  • Curriculum Herzinsuffizienz; Taskforce Curriculum Herzinsuffizienz der Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft: Rudolf Berger, Martin Hülsmann, Deddo Mörtl, Gerhard Pölzl;
  • Komajda M, Isnard R, Böhm M et al: Effect of ivabradine in patients with heart failure with preserved ejection fraction: the EDIFY randomized placebo-controlled trial. Eur J Heart Fail. 2017 Nov;19(11):1495-1503. doi: 10.1002/ejhf.876. Epub 2017 Apr 30;
  • Neef, S., Mann, C., Zwenger, A. et al. Reduction of SR Ca2+ leak and arrhythmogenic cellular correlates by SMP-114, a novel CaMKII inhibitor with oral bioavailability. Basic Res Cardiol (2017) 112: 45. doi:10.1007/s00395-017-0637-y;
  • John J.V. McMurray, M.D., Milton Packer, M.D., Akshay S. Desai, et al for the PARADIGM-HF Investigators and Committees: Angiotensin–Neprilysin Inhibition versus Enalapril in Heart Failure. N Engl J Med 2014; 371:993-1004 DOI: 10.1056/NEJMoa1409077;
  • Teerlink J., Felker M, Solomon S et al. Chronic Oral Study of Myosin Activation to INvrease Contractility in Heart Failure (COSMIC-HF): a phase 2, pharmacokinetic, randomised, placebo-controlled trial. The Lancet 2016; 388:2895–903; DOI: htttp://dx.doi.org/10.2016/S0140-6736(16)32049-9;
  • Weir MR et al. Patiromer in Patients with Kidney Disease and Hyperkalemia Receiving RAAS Inhibitors. N Engl J Med 2015;372:211-21;
  • Øyvind Ellingsen, Martin Halle, Viviane M. Conraads, Rainer Hambrecht et al: SMARTEX Heart Failure Study Group: High Intensity Interval Training in Heart Failure Patients with Reduced Ejection Fraction. Circulation. 2017; CIRCULATIONAHA.116.022924, Originally published January 12, 2017.
Quelle: Presseinformation B&K Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung / Foto: v.l.n.r.: Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Berger, Christian Fabi, OA Priv.-Doz. Dr. Deddo Mörtl / Fotocredit: © B&K/APA-Fotoservice/Martin Lusser

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