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Erblicher Darmkrebs: Wirkstoff Mesalazin verringert Tumorbildung um 50 Prozent

Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass Lynch-Syndrom-PatientInnen, die den entzündungshemmenden Wirkstoff Mesalazin erhalten, seltener Tumore entwickeln und sich auch die Anzahl der Tumor-Neubildungen (Neoplasien) deutlich verringert.


Rund 5.000 ÖsterreicherInnen erkranken jährlich neu an einem kolorektalen Karzinom, also an Krebs des Dickdarms oder des Mastdarms. Rund fünf Prozent davon sind erblich bedingt und entwickeln das Lynch-Syndrom, die häufigste genetische Tumorerkrankung des Darms, das sind rund 250 Fälle im Jahr.

 

„Im Schnitt entwickeln 94 von 100 Betroffenen Tumore, bei Gabe des Wirkstoffs sind es nur noch 69“, erklärt Judith Karner-Hanusch, Expertin für Allgemein-, Gefäß- und Viszeralchirurgie an der MedUni Wien. „Die Tumoranzahl wiederum reduziert sich von durchschnittlich 3,1 auf 1,4 pro Patient.“ Das konnte im Mausmodell gezeigt werden. Nun steht die Phase II-Studie beim Menschen bevor.

 

Die Ergebnisse sind aber derart vielversprechend, dass man eine Bestätigung der Resultate erwarten kann, so Christoph Gasche, Leiter des Labors für Molekulare Karzinome und Mitglied des Comprehensive Cancer Centers (CCC), einer gemeinsamen Einrichtung von MedUni Wien und AKH Wien.

Es sollte uns gelingen, zu beweisen, dass die PatientInnen durch die Einnahme dieses für viele Indikationen bereits zugelassenen Medikaments von der vererbten Tumorlast größtenteils befreit werden.

Die Studie wird gemeinsam mit WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Polen, Israel, Schweden und den Niederlanden durchgeführt, der Wissenschaftsfonds FWF fördert die Studie in Österreich mit über 500.000 Euro.

 

Risiko durch Gebärmutterkrebs erhöht


Mesalazin ist ein Amin-Derivat der Salicylsäure (5-Aminosalicylsäure/5-ASA), das als entzündungshemmender Arzneistoff bei der Behandlung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (etwa Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) eingesetzt wird. Im Tiermodell konnte gezeigt werden, dass Mesalazin beim genetisch vererbbaren Lynch-Syndrom dazu führt, die Tumoranzahl um 50 Prozent zu reduzieren.

 

Die Risikogruppe für das Lynch-Syndrom umfasst Personen, in deren Familie es mindestens einen verwandten Patienten vor dem 50. Lebensjahr gegeben hat, in deren Familie die Erkrankung in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Generationen zu finden ist und in deren Familie es drei Angehörige mit erblichen Darmkrebsformen assoziierten Karzinomen gibt (Amsterdam-II-Kriterien) – sowie das junge Erkrankungsalter. Außerdem, betont Karner-Hanusch, kann auch Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom) stark auf genetische Mutationen und auf das Lynch-Syndrom hinweisen:

Frauen mit Gebärmutterkrebs, nicht zu verwechseln mit Gebärmutterhalskrebs (Anm. HPV), tragen ein 40-prozentiges Risiko für genetisch bedingten Darmkrebs mit sich und sollten sich austesten lassen.

Anmeldung für die Phase-II-Studie

 

Für die Phase-II-Studie an der MedUni Wien werden noch TeilnehmerInnen mit genetisch bedingtem Darmkrebs gesucht. Interessierte können sich bei Judith Karner-Hanusch unter Tel.: 01 / 40 400 / 64 920 täglich zwischen 13:00 und 14:45 Uhr melden und einen ambulanten Termin zu einem ersten Gespräch vereinbaren.

 

Zur Info die Mausmodell-Studie aus dem Jahr 2014 in „Gut“ (BMJ Journals):

 

Benedikt Kortüm, Christoph Campregher, Michaela Lang, Vineeta Khare, Matthias Pinter, Rayko Evstatiev, Gerald Schmid, Martina Mittlböck, Theresa Scharl, Melanie H Kucherlapati, Winfried Edelmann, Christoph Gasche. Mesalazine and thymoquinone attenuate intestinal tumour development in Msh2loxP/loxP Villin-Cre mice. http://dx.doi.org/10.1136/gutjnl-2014-307663.

 

Quelle: Presseaussendung der Medizinischen Universität Wien

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