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Polyneuropathie: Symptome, Diagnose & Therapiemöglichkeiten

Polyneuropathie: Symptome, Diagnose & Therapiemöglichkeiten

Ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie. Die Medizinerin hat eine Ordination in Graz und ist zusätzlich an der MedUni Wien tätig.

 

CredoWeb: Was versteht man unter Polyneuropathie & was unter Neuropathie?

 

Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach:

Neuropathie bedeutet Schädigung der peripheren Nerven und "poly" bedeutet "mehrere" d.h. es sind nicht nur ein Nerv oder wenige Nerven betroffen, sondern mehrere.



Somit gibt es die Mononeuropathie, wo nur 1 Nerv geschädigt ist und auch die Oligoneuropathie wo ca. 2-3 Nerven betroffen sind und die Polyneuropathie, bei der viele Nerven geschädigt sind.


CredoWeb: Mit welchen Symptomen äußert sich die Polyneuropathie?

 

Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach:  Meistens äußert sich die Erkrankung mit meist symmetrischen

 

 

  • Gefühlsstörungen,
  • Missempfindungen,
  • Kribbeln, Brennen,
  • Gefühl des "Eingeschnürt-seins",
  • Schmerzen,
  • in späterer Folge dann auch mit Muskelschwäche bis hin zur Gehschwäche

 

Die Beschwerden treten immer an den Stellen, wo der Nerv den längsten Verlauf hat zuerst auf, d.h. der Beginn liegt meistens in den Zehen bis Vorfüßen oder auch seltener in den Fingerspitzen, da hier der Nervenverlauf der längste ist.


 

CredoWeb: Ist die Polyneuropathie eine eigenständige Erkrankung oder eine Komplizierung in Folge einer anderen Krankheit?

 

 

Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach: Hier ist beides möglich!

Eine Komplizierung kommt jedoch häufiger vor zB durch Einwirkung einer Noxe (=Schädigung) infolge von Diabetes Mellitus (durch zu hohen Blutzucker-Spiegel, werden Nerven geschädigt) oder auch durch zu hohen Alkoholkonsum.

 


Es gibt jedoch auch Entzündungen, die primär im Nerv beginnen bzw. gibt es auch angeborenen Formen der Polyneuropathie. Hierbei handelt es sich meistens um eine eigenständige Erkrankung.

Ich beschäftige mich seit Jahren mit diesen vererbten Formen – den sogenannten hereditären Formen, auch bekannt als Charcot-Marie-Tooth-Syndrom (CMT).

Diese vererbten Formen der Polyneuropathie kommen viel häufiger vor, auch im höheren Lebensalter, als man bisher angenommen hat.

 

Es gibt also eine veränderte Erbanlage, welche die Entstehung von Polyneuropathie begünstigt.
Auch für diese Untergruppe der Polyneuropathien gibt es bereits die ersten Therapieansätze bzw. Therapien, wie etwa der vererbten TTR-Amyloidose. Es handelt sich dabei konkret um eine Form, welche auch in ihrer Ursache bekämpft werden kann, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt wird.



CredoWeb: Welche Untersuchungen werden durchgeführt, um den Grad der Polyneuropathie festzustellen?



Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach: Zuerst einmal ist es essenziell, die Anamnese sehr genau zu erheben:

 

  • Wann haben die Beschwerden begonnen?
  • Wie hat es begonnen?
  • Was war das erste Symptom?
  • Wie ist der Verlauf? (eher allmählich entwickelt oder innerhalb weniger Monate verschlechtert)
  • Gibt es in der Familie weitere Personen mit ähnlichen Beschwerden?

 

Danach wird die Muskelfunktion und die Funktion der Gefühlsnerven auf Abschwächungen untersucht.

Außerdem wird die motorische und sensible Nervenleitgeschwindigkeit gemessen.



CredoWeb: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?



Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach: Zuerst muss man schauen, ob eine Ursache gefunden werden kann. Wenn die Ursache zB ein Vitaminmangel (Vitamin B-Mangel) ist, was auch vorkommen kann, wird dieser zunächst behandelt, liegt ein Diabetes mellitus vor, so ist eine optimale Einstellung des Blutzuckers anzustreben.

Handelt es sich um eine Entzündung , so muss diese entsprechend der Ursache behandelt.

Zeitgleich kann man symptomatisch die sog. neuropathischen Schmerzen mit Hilfe verschiedenster Schmerzmittel lindern. Diese wirken bei jeder/jedem 2. - 3. Patientin/Patienten gut.

 

Liegt bereits eine Muskelschwäche vor, so kann zusätzlich eine Physiotherapie oder Ergotherapie angeordnet werden, um die PatientInnen auch hierbei Unterstützung zu bieten.

 

 

CredoWeb: Gibt es auch Therapieansätze mit Cannabinoiden?



Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach: Ja, die gibt es auch.

Den Einsatz von Cannabinoiden verlangen vor allem die PatientInnen, bei denen die herkömmlichen Schmerzmittel nicht so gut wirken. Für manche Patienten erbringt diese Therapie eine Erleichterung - zu einer vollkommenen Schmerzfreiheit führt es allerdings meistens nicht.

 

So wie auch bei den anderen Schmerzmitteln gilt: Es wirkt nicht jedes Mittel bei jedem Menschen!


 

CredoWeb: Inwieweit kann man eine Verbesserung erwarten? Sind die Nervenschäden reversibel?



Univ.-Prof. Dr. Michaela Auer-Grumbach:

 

Die Nervenschäden sind nur sehr selten reversibel.

Wenn es sich um eine entzündliche Form handelt und die Ursache rasch erkannt und behandelt wird, so ist auch eine vollständige Heilung gelegentlich möglich.

 

Eine vollkommene Wiederherstellung der peripheren Nerven bei chronischen Ursachen ist nicht möglich, hier gilt es v.a. die Krankheit zu stoppen bzw. den Verlauf zu verlangsamen und die Schmerzen zu lindern.

 

 

 

Interview: Christina Neumayer/CredoWeb

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