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COVID-19 & die neue Realität im Praxisalltag

COVID-19 & die neue Realität im Praxisalltag

 

Dr. med. Susanne Rabady ist nicht nur Allgemeinmedizinerin mit einer bereits seit 27 Jahren bestehenden Praxis in Windigsteig (NÖ), sondern leitet auch das Kompetenzzentum für Allgemein- und Familienmedizin am Department für Allgemeine Gesundheitsstudien an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems an der Donau.

 

CredoWeb: Gibt es den typischen COVID-19-Patienten?

 

Dr. med. Susanne Rabady:

 

Ein Muster konnten wir bisher nicht erkennen.

 

Die Breite der möglichen Symptome ist enorm groß und reicht von leichtem Halskratzen über Rücken- und Gliederschmerzen bis zu Husten und Fieber.  Zusätzlich sind uns noch eine ganze Reihe weiterer Symptome bekannt.


 Häufig sehen wir allerdings Mattigkeit und Müdigkeit, manchmal (zunächst) alleine, manchmal in unterschiedlichen Kombinationen mit anderen Symptomen.

 


An der Karl Landsteiner Universität arbeiten wir derzeit an einer Studie, die die Symptome bei Patient*innen in ambulanter Betreuung erfasst, eine erste Zwischenauswertung ist derzeit in Arbeit.  

 

CredoWeb: Ist die Versorgung der chronisch kranken PatientInnen in dieser Zeit etwas in den Hintergrund geraten?

 

Dr. med. Susanne Rabady: Das dürfte recht unterschiedlich gehandhabt worden sein. Sicherlich haben etliche Patient*innen Angst gehabt, sich beim Arztbesuch (oder auf dem Weg dorthin) anzustecken - das wurde in der Anfangsphase auch so kommuniziert. Eigentlich sollte das längst vorbei sein.


Viele Kolleg*innen haben "ihre" chronisch kranken Patient*innen aktiv kontaktiert, soweit wie möglich telemedizinisch kontrolliert, bzw. die Bedingungen in ihren Praxen so sicher gestaltet, dass nichts passieren können sollte. Andere haben reagiert, indem sie Infektpatient*innen nicht empfangen. Auch das sollte vorbei sein, denn die Behandlung aller Patient*innen ist die Kernaufgabe einer hausärztlichen Primärversorgung. 

 

Wir wissen inzwischen gut, wie wir uns und unsere Patient*innen vor Ansteckung schützen können.  

 

Die größte Schwierigkeit ist sicherlich, in den Warteräumen für große Abstände und kurze Aufenthaltsdauer zu sorgen - vor allem in Wien eignen sich dafür nicht alle Ordinationen, und die Umstellung auf Terminordination ist dem Vernehmen nach auch nicht überall leicht. Hier müsste für kreative Unterstützung gesorgt werden. 

 

 

CredoWeb: Was sind die größten Herausforderungen für Sie als Ärztin innerhalb der COVID-19-Pandemie?

 

Dr. med. Susanne Rabady: Das war einerseits die Umstellung einiger Bereiche der Praxisorganisation und am Anfang sehr stark der Mangel an persönlichen Schutzmitteln.

 

Nun sehe ich die Herausforderung vor allem darin, eine gute, ruhige Balance zwischen Ernstnehmen der Seuche und der nötigen Gegenmaßnahmen und der aufkeimenden Pandemie-Müdigkeit zu schaffen. 

 

Angst ist nicht angebracht, denn wir wissen, wie wir uns vor Ansteckung schützen können und das ist eigentlich nicht einmal schwer. 

Sorglosigkeit ebenso wenig, denn wenn wir uns nicht angemessen schützen, drohen wir die Kontrolle über die Ausbreitung zu verlieren, und dann wird es in der Tat ungemütlich. 

 

CredoWeb: Was bedeutet die „neue Realität“ für den Ordinationsbetrieb?

 

Dr. med. Susanne Rabady:

 

Das gleiche wie überall anders auch:

 

  • Abstand halten,
  • Hygiene beachten,
  • Masken tragen.

 


Für die Ordinationsteams kommen noch Schutzbrillen bei bestimmten Tätigkeiten dazu, und ein Kittel wegen der Hygiene (Untersuchungen der Mundraums, Abstrichentnahme), und natürlich Handschuhe

 

Termin- oder zumindest Nummernvergabe ist dringend zu empfehlen. In Wartezimmern und Eingangsbereichen muss zwischen allen Patient*innen ausreichend Abstand eingehalten werden.  Das gilt übrigens nicht nur wegen COVID-19, sondern auch wegen Influenza, Masern, Feuchtblattern und allen anderen Infektionskrankheiten: auch vor diesen sollten wir unsere Patient*innen konsequent schützen. 

 

 

Wir haben zur Unterstützung unserer Kolleg*innen ein kurzes Merkblatt mit Empfehlungen verfasst, das einen sehr guten Überblick ermöglicht: https://www.kl.ac.at/sites/default/files/doc/empfehlungen_pv_in_pandemie_-_factsheet_1.pdf

(Das Merkblatt finden Sie auch als Datei am Ende des Artikels!)

 

Und wir betreiben eine Internetplattform, auf der rasch und einfach alle Informationen gefunden werden können - zur Diagnostik und Behandlung von COVID-19 genauso wie zur Praxisorganisation, zu den empfohlenen Schutzmitteln und ihrer Verwendung, zur Testung und zur Quarantäne, und vieles mehr. Dort gibt es außerdem ein Helpdesk, an das man sich mit individuellen Fragen und Anliegen wenden kann: www.kl.ac.at/coronavirus

 

CredoWeb: Zu welchen Hygienemaßnahmen in der Praxis raten Sie Ihren KollegInnen?

 

Dr. med. Susanne Rabady:

 

Das hängt von der jeweiligen Tätigkeit in der Ordination ab:

 

  • Am Empfang genügt eine Plexiglaswand
  • Für das Patientengespräch reicht es, wenn alle Beteiligten einen Mund-Nasenschutz tragen.
  • Für die Untersuchung von Infektpatienten inkl. der Entnahme von Abstrichen (SARS-CoV-2, Strep, Influenza) ist eine FFP 2-Maske, Schutzbrille oder Visier und eine Schürze oder Kittel empfohlen.
  • Normale Ordinations- und Handhygiene ist selbstverständlich.


Auch dazu empfehle ich die entsprechende Seite auf der Informationsplattform: https://www.kl.ac.at/coronavirus/schutzausruestung

 

Also: es ist eigentlich nicht sehr kompliziert, und die Routine kommt schnell, wenn die Umstellung einmal vollzogen ist. Ein guter Plan und gut geplante Abläufe, die allen Beteiligten bekannt sind, sind die Voraussetzungen, die dem Ordinationsablauf in jeder Hinsicht gut tun. 

 

Interview: Christina Neumayer/CredoWeb

Vortrag "Wie schützen sich die Allgemeinmediziner*innen – Pragmasie und Effizienz" bei der Live-Übertragung: Update COVID-19 im Alltag vom 22.09.2020 auf https://infektiologie.co.at/

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