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Psychische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie

Psychische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie

 

Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Dietmar Winkler ist als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin eine auf den individuellen Patienten maßgeschneiderte Behandlung besonders wichtig. Als Additivfacharzt für Geriatrie verfügt er über eine zusätzliche vertiefende Ausbildung auf dem Gebiet der Alterspsychiatrie.
Ebenso ist er an der Medizinischen Universität Wien als assoziierter Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig.
Als Experte wurde Dr. Winkler bereits für etwaige Interviews und Vorträge zu den Auswirkungen der aktuellen Pandemie auf die Psyche der Österreicher befragt.

 

 

 

CredoWeb: Welche Kollateralschäden sind durch die Lockdowns während der COVID-19-Pandemie aus psychologischer Sicht bereits entstanden?

 

 

Dr. Dietmar Winkler: Man muss hier differenzieren zwischen Folgen für die Allgemeinbevölkerung und solchen für bereits manifest psychisch kranke Patienten.

 

Für viele von uns ist es im Vorjahr zu einem markanten Anstieg der Realängste aufgrund der teilweise bedrohlichen ökonomischen Folgen der Krise gekommen.

 

 

Man weiß auch, dass der Lockdown mit dem vermehrten Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden zu einem Anstieg der häuslichen Gewalt geführt hat.

 

Ältere Personen in Pflegeheimen leiden bis heute an der Einsamkeit und den restriktiven Besuchsregelungen in diesen Institutionen.

 

 

Für psychisch kranke Menschen ist es zumindest zeitweise während der Pandemie zu einer deutlichen Verminderung von Betreuungsangeboten im Sinne von Tageszentren, geschützten Werkstätten und sozialen Treffpunkten gekommen.

 

Eine Unterversorgung psychisch kranker Menschen im Rahmen der Covid-19-Pandemie wäre vorstellbar, muss aber noch genauer untersucht werden.

 

 

CredoWeb: Gibt es diesbezüglich auch positive Effekte?

 

 

Dr. Dietmar Winkler: Die veränderte Lebenssituation hat in manchen Bereichen zu kurzfristig positiven Auswirkungen geführt.

 

Patienten mit Zwangsstörungen, die sich durch das Wegfallen des Händeschüttelns und die vermehrte Handhygiene erleichtert in Bezug auf ihre eigenen Reinigungsrituale gezeigt haben, Patienten mit sozialen Ängsten, die durch Home-Office und reduzierte soziale Kontakte eine temporäre Entlastung erfahren haben.

 


Man kann aber mutmaßen, dass es in vielen Fällen mittel- bis langfristig durch die verminderte Exposition gegenüber Ängsten eher zu einer Zunahme der Symptomatik kommen wird.

 

 

CredoWeb: Wie haben die bisherigen Lockdowns das Gesundheitssystem beeinflusst und welche Probleme sind dadurch entstanden?

 

 


Dr. Dietmar Winkler: Im Bereich der Psychiatrie hat es initial reduzierte Fallzahlen in den Ambulanzen gegeben, weil sich viele Patienten im ersten Lockdown nicht ins Krankenhaus getraut haben. Das kann zu einer Unterversorgung von Patienten geführt haben.


 

Wie für viele andere Ärzte hat sich aber in dieser Phase auch für Psychiater und Psychotherapeuten das telemedizinische Arbeiten als sehr vorteilhaft erwiesen. Möglicherweise wird sich die Telemedizin im Bereich der Psychiatrie komplementär zu den persönlichen Konsultationen auch nach der Pandemie halten.

CredoWeb: Welche psychischen Erkrankungen wurden im Zusammenhang mit COVID-19 bisher diagnostiziert?

 

 

Dr. Dietmar Winkler: Die Palette psychischer Erkrankungen bleibt weitgehend gleich. Wir haben aber im letzten Jahr gesehen, dass Folgeerscheinungen der Pandemie häufig zu Auslösern von Angststörungen und depressiven Erkrankungen geworden sind.

 


 

CredoWeb: Haben Sie selbst bereits Erfahrungen mit PatientInnen mit psychischen Erkrankungen aufgrund der Pandemie, sei es nach überstandener Infektion oder aus anderen Gründen?

 

 

 

Dr. Dietmar Winkler: Wie schon erwähnt, stellt die veränderte Realsituation bei vielen Menschen einen signifikanten Auslöser einer neuen Krankheitsepisode dar.

 

 

Immer häufiger wenden sich aber Patienten nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung an uns, die noch Wochen bis Monate nach überstandener Virusinfektion unter Müdigkeit und Adynamie (= Zustand allgemeiner Erschöpfung und ausgeprägter Antriebslosigkeit) leiden.

 

In manchen dieser Fälle kommen noch weitere Symptome wie z. B. Anhedonie, also eine markante Lustlosigkeit, sowie Schlafstörungen dazu, sodass hier eine Schnittmenge mit depressiven Störungsbildern besteht.

 

Das ist deshalb aus einer pathophysiologischen Sicht interessant, weil man mittlerweile weiß, dass Depressionen durch eine systemische Inflammation und vermehrte proinflammatorische Zytokine, die im Gehirn die Neurotransmission verändern, hervorgerufen werden.

 

Covid-19 könnte also in manchen Fällen von Depressionen als neurobiologischer Trigger fungieren.

 



CredoWeb: Was kann jede/jeder selbst tun, um möglichst ohne psychische Probleme aus der Krise zu kommen und wann sollte man sich Hilfe suchen?

 

 

 

Dr. Dietmar Winkler: Die Menschen sind im Rahmen der Lockdowns vermehrt zu Hause gewesen und haben sportliche Aktivitäten reduziert. Bei fast allen meinen Patienten hat sich während dieser Zeiträume eine deutliche Gewichtszunahme gezeigt.

 

Wir wissen aber, dass verminderte körperliche Aktivität und Übergewicht psychische Risikofaktoren darstellen – das alte Sprichwort vom gesunden Geist in einem gesunden Körper gilt uneingeschränkt in der Psychiatrie.

 

Im Sinne einer Prophylaxe ist es also gerade jetzt wichtig, vermehrt auf seinen Lebensstil zu achten, gesund zu essen und sich ausreichend zu bewegen.


 

CredoWeb: Wie wird es mit der psychischen Gesundheit der ÖsterreicherInnen weitergehen? Wie sieht Ihre persönliche Prognose aus?

 

 

 

Dr. Dietmar Winkler:

 

Ich glaube an die Anpassungsfähigkeit der Menschen als ihre vordergründigste Eigenschaft und bin überzeugt, dass wir die zukünftigen Herausforderungen gut meistern werden.

 

Interview: Christina Neumayer/CredoWeb

Vortrag "Fallbasierte Therapieansätze" beim Giftigen Livestream zum Thema "COVID-19 und die Psyche" vom 11.03.2021 auf https://infektiologie.co.at/ unter der Moderation von Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer

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