Krankhaften Essstörungen richtig vorbeugen
15.02.16
Dr. Thomas Kröpfl
Dr. Thomas Kröpfl
Arzt
Krankhaften Essstörungen richtig vorbeugen

Krankhaften Essstörungen richtig vorbeugen

Zu wenig, zu viel, zu außergewöhnlich, zu (un)gesund. Essen, eigentlich Quelle des Genusses, kann auch zum Problem werden, wobei nicht jede Auffälligkeit Zeichen einer Krankheit ist. Bei krankhaften Essstörungen jedoch kann es um Leben und Tod gehen.

Foto: mariok / 123RF Lizenzfreie Bilder

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Wenn Essen zum Problem wird…

Nichts Grünes, schon gar keine Erbsen, aber dafür mehr Karotten und Nudeln. Oder genau umgekehrt. Die kulinarischen Eigenheiten kleiner Kinder sind zwar oft mühsam, aber selten gefährlich. Kommen die Jugendlichen in die Pubertät, gewinnt Essen eine zusätzliche Dimension: Da geht es nicht nur um geschmackliche Vorlieben und Abneigungen, sondern um die (Mit-) Gestaltung des eigenen Körpers. Durch Essen oder durch Nichtessen.

Vier von zehn jugendlichen Mädchen sind mit ihrem Körper unzufrieden und investieren in weiterer Folge reichlich Energie darin, ihn „zu verbessern“: durch gezügeltes Essverhalten, extrem gesunde Ernährung, durch intensives sportliches Training und im Extremfall durch Nahrungsverweigerung oder Erbrechen nach dem Essen.

Während es schnell auffällt, wenn ein Kind zu dick wird – meist schon bei den Mutter-Kind-Pass-Terminen oder später bei den schulärztlichen Untersuchungen – beginnt beispielsweise die Magersucht schleichend und ist auch nicht so einfach zu erkennen. Zwei Warnsignale sollten Eltern jedenfalls beachten, erklärt Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Kröpfl: „Einerseits Veränderungen im Essverhalten, wenn Kinder und Jugendliche deutlich weniger essen, Diät halten wollen oder nur mehr bestimmte Nahrungsmittel zu sich nehmen. Andererseits eine gestörte Körperwahrnehmung, also wenn die Kinder sich zu dick fühlen, obwohl sie normalgewichtig bis dünn sind.“ Denn mit Magersucht ist nicht zu spaßen: Von elf magersüchtigen Jugendlichen stirbt im Schnitt eine(r) an dieser Krankheit.

Zahlen bleiben konstant

Noch sind Essstörungen ein eher weibliches Phänomen; das Verhältnis von Burschen zu Mädchen liegt bei ungefähr 1:10 oder 1:15. „Es hat den Anschein, dass zunehmend auch Burschen betroffen sind, aber die Mädchen überwiegen um ein Vielfaches“, berichtet Doris Hönigl, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, aus ihrer Praxis. Von einer generellen Zunahme an Essstörungen ist derzeit nicht auszugehen. „Für Westeuropa gilt, dass das Vorkommen von Anorexie, also Magersucht, konstant bleibt. Bei Bulimie, der Ess-Brechsucht, war zwischen 1980 und 1990 eine Zunahme zu beobachten. Seit der Jahrtausendwende nimmt die Anzahl der Betroffenen sogar leicht ab“, erklärt die Expertin.

Was – erfreulicherweise – steigt, ist die Zahl betroffener Jugendlicher, die im Fall einer Essstörung die notwendige ärztliche und oder psychotherapeutische Behandlung erhalten. Diese Entwicklung resultiert nicht zuletzt aus der zunehmenden Sensibilität der Eltern. „Eltern haben meist gute Antennen für ihr Kind, und wenn sie sich Sorgen machen, sollten sie das ihrem Kind auch ganz klar sagen“, rät Kröpfl. Der nächste Schritt soll bei problematischem Essverhalten zum Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater. Aber: Nicht hinter dem Rücken des Kindes, denn wenn es das Kind betrifft, ist es mit einzubeziehen.

Diät nur professionell

Für die Eltern-Kind-Gespräche sollen die Eltern einen Zeitpunkt wählen, wenn niemand in Eile ist und keine Störung durch kleine Geschwister zu erwarten ist, empfiehlt Kinderfachärztin Hönigl. „Das Thema sollte dann ohne Vorwürfe angesprochen werden und das Kind ausdrücklich nach seiner Sichtweise gefragt werden.“ Möglichst früh plädiert Doris Hönigl auch für eine fachärztliche Abklärung.

Das gilt übrigens auch für Kinder und Jugendliche, deren ungebremster Appetit den Eltern Sorge bereitet. „Keinesfalls sollten Eltern kritische Bemerkungen über die Figur ihres Kindes machen“, warnt Hönigl. „Ist ein Kind tatsächlich übergewichtig, sind in Absprache mit dem Kinderarzt oder einem Kinder- und Jugendpsychiater zweckmäßige Schritte in Richtung Lebensstiländerung einzuleiten.“ Völlig abzuraten ist von Do-it-yourself-Diäten; diese würden weit mehr schaden als nützen. Generell sollten sich Eltern ihrer Vorbildfunktion bewusst sein: Eine Mutter, die von der Nachweihnachts- nahtlos zur Bikinidiät übergeht, zeigt ebenfalls ein auffälliges Essverhalten, das auch die Kinder beeinflusst.

Wie vorbeugen?

Während Übergewicht zum einen Teil aus Veranlagung resultiert und zum anderen aus einem ungesunden Lebensstil, bei dem eine Umgewöhnung möglich ist, wurzelt Magersucht oft in innerfamiliären Konflikten. „Familien, in denen ein Kind magersüchtig wird, sind sehr häufig besonders leistungsorientiert und Zuneigung wird oft auch mit Erfolgen verknüpft“, erklärt Kröpfl. Manchmal kommt der Druck aber auch aus der Gruppe der Gleichaltrigen. In eher seltenen Fällen verlieren auch jene Kinder die Kontrolle über ihr Gewicht, die einmal dicker waren, dann abgenommen haben und mit dem Abnehmen nicht mehr aufhören können.

Um Essstörungen vorzubeugen, sollten Eltern unbedingt selbst ein möglichst entspanntes Verhältnis zu ihrer Nahrung und ihrem Körper vorleben. Auch mindestens eine gemeinsame Mahlzeit am Tag empfehlen beide Kinderpsychiater. „Dabei soll der Genuss im Vordergrund stehen“, betont Kröpfl. „Fernseher, Handy und Tablets sind dann jedenfalls abgeschaltet. “Viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, ihnen zuzuhören, sich für ihre Leidenschaften zu interessieren – auch das kann Essstörungen vorbeugen. Oder im Falle einer bereits aufgetretenen Essstörung den Heilungsprozess unterstützen.

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Erstveröffentlichung: Magazin Gsund, November 2015

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