Die Lebenserwartung steigt mit dem Einkommen
22.04.16
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Die Lebenserwartung steigt mit dem Einkommen

Die Lebenserwartung steigt mit dem Einkommen

Neue Studie: "Schere" öffnet sich bei Amerikanern ab 40 Jahren weiter, bei Jüngeren werden die Unterschiede hingegen langsam kleiner.

Wer wenig Geld hat, lebt oft nicht nur schlechter und ungesünder, sondern auch kürzer als wohlhabende Altersgenossen. Für die USA hat eine Studie diesen altbekannten Zusammenhang neu mit Fakten untermauert und zugleich gezeigt, dass für die Ärmsten dabei die Aussichten auf ein langes Leben in ökonomisch schwachen Regionen noch schlechter sind als in Städten mit guten Infrastrukturen.

Eine zweite neue Studie unterstreicht, dass sich die Schere bei Amerikanern ab 40 Jahren weiter öffnet. Bei den Jüngeren unter 20 hingegen wird die Kluft langsam wieder kleiner.


Das Forscherteam um den Stanford-Ökonomen Raj Chetty errechnete auf Basis von 1,4 Milliarden Steuer- und Sozialversicherungsdokumenten aus den Jahren 1999 bis 2014: Während die wohlhabendsten fünf Prozent der 40-jährigen Amerikanerinnen heute 2,9 zusätzliche Jahre erwarten dürfen (Männer: 2,3 Jahre), stieg die Lebenserwartung der armen Bevölkerung in dieser Zeit wesentlich langsamer und insgesamt kaum messbar. Dabei lag der Unterschied zwischen dem ärmsten und dem reichsten Prozent der Frauen bei zehn Jahren, bei den Männern sogar bei 15 Jahren.

Auch in Deutschland ist die Beziehung zwischen Einkommen und Lebenserwartung messbar: Hier lebt laut Robert Koch-Institut das wohlhabendste Fünftel der Frauen 8,4 Jahre länger als das ärmste Fünftel. Bei den Männern beträgt dieser Unterschied 10,8 Jahre. Und auch hier sind eklatante Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen erkennbar. So liegt die Lebenserwartung in struktur- und einkommensschwachen Regionen, wie den neuen Bundesländern oder dem Ruhrgebiet deutlich unter jener von wohlhabenden Gegenden.

Für Österreich führte beispielsweise Robin Rumler als Präsident des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen im Sommer 2015 an, dass männliche Akademiker eine um durchschnittlich 2,7 Jahre höhere Lebenserwartung als Pflichtschulabsolventen haben, bei den Frauen betrage der Unterschied gar 5,4 Jahre.

Die detaillierte Veröffentlichung im "Journal of the American Medical Association" ("JAMA") von Raj Chetty zeigt auch, dass die Lebenserwartung der Ärmeren nicht in allen Regionen gleich ist. So leben die Einkommensschwächsten in kalifornischen Städten wie San Francisco oder Los Angeles, aber auch in New York deutlich besser und gesünder als etwa in darbenden Industriestädten im Mittleren Westen wie Detroit, in Las Vegas oder Louisville.


Positiver Einfluss auf ärmere Bevölkerung

Arme in New York profitieren offenbar vom gesunden Lebensstil ihrer Mitmenschen, der Verbannung ungesunder Trans-Fettsäuren und hohen Tabaksteuern. Und in San Francisco - einer Stadt voller Parks, mit einem großen Angebot sozialer Hilfsdienste, vielen Rauchverboten und bereitwillig fürs Gemeinwohl eingesetzten Steuergeldern - leben Arme etwa drei Jahre länger als Menschen mit dem gleichen Einkommen in Detroit.

Dieser Unterschied entspreche in etwa dem Ansteigen der Lebenserwartung, wenn Krebs geheilt werden könne, erläuterte Studienautor Chetty in der "Washington Post". "Daran kann man sehen, dass das eine große Sache ist." Auch andere Experten betonen, wie wichtig soziale Hilfsangebote und ein funktionierendes Vorschul- und Schulsystem sind, um Ärmere aus der drohenden Spirale aus schlechter Ernährung, wenig Bewegung, Fettleibigkeit, Rauchen, chronischer Krankheit und schließlich geringerer Lebenserwartung zu befreien.

Princeton-Professorin Janet Currie betont in einer anderen, in "Science" veröffentlichten Studie, dass die Ungleichheiten bei der jungen Generation zurückgehen. So habe sich die Kindersterblichkeit zwischen 1990 und 2010 in den ärmsten Regionen fast halbiert. Von 1.000 neugeborenen Buben starben 1990 noch mehr als 18 in den ersten drei Lebensjahren, 20 Jahre später waren es nur noch knapp 10. "Das legt nahe, dass sich in Zukunft die Ungleichheit bei der Sterblichkeit im höheren Alter verringern dürfte", so Currie.

Doch immer wieder baut auch das US-Gesundheitssystem auf diesem Weg Mauern. Zwar sind die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in den USA die höchsten im OECD-Vergleich. Im Jahr 2013 lagen sie bei 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts - in Deutschland bei elf Prozent. Das heißt aber nicht, dass deshalb der Zugang zu medizinischem Fortschritt für jedermann im gleichen Ausmaß möglich ist - dem neuen Krankenversicherungs-System "Obamacare" zum Trotz.

Für die hohen Ausgaben sind in erster Linie die immensen Medikamentenpreise verantwortlich, die Pharma-Unternehmen auf dem US-Markt durchsetzen. Selbst Krankenhäuser können kaum Rabatte verhandeln, sondern müssen - etwa für Chemotherapien - oft ein Vielfaches der in Europa üblichen Summen bezahlen. Gleichzeitig werden gerade für diese extrem teuren Therapien aufwendige TV-Werbespots geschaltet. Zielgruppe: Wohlhabende Premium-Versicherte, die von ihrem Arzt exakt diese Therapie einfordern sollen.


Quelle: APAMED, 21. April 2016

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