Spitalsärzte im Interview: Uns fehlt Zeit für die Ausbildung
13.09.16
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Spitalsärzte im Interview: Uns fehlt Zeit für die Ausbildung

Spitalsärzte im Interview: Uns fehlt Zeit für die Ausbildung

CredoMedia war bei dem Warnstreik der Wiener Spitalsärzte, um aus erster Hand darüber mehr zu erfahren. Streikende Ärzte äußerten sich zu den neuen Dienstplanregelungen, zur Unzufriedenheit der Wiener Mediziner und zur Art und Weise, wie mit den Ärzten umgegangen wird.

CredoMedia: Welche Forderungen müssen unbedingt erfüllt werden, damit die Ärzteschaft und der KAV zu einer Lösung kommen?

Arzt[1]: Diese Frage ist leider schwer zu beantworten, weil sich das Problem schon so weit aufgefächert hat – das ist ja kein Problem, das in den letzten Wochen entstanden ist, sondern es ist vor rund zwei Jahren bei den ersten Verhandlungen zwischen dem KAV und der Ärztekammer entstanden. Jetzt brechen immer wieder Konflikte auf, die damals bei der Einigung akzeptiert wurden oder übergangen worden sind – ich glaube man wird sich jetzt also nicht auf zwei-drei Punkte festlegen können. Es ist sicher nicht soweit, dass man jetzt alles umsetzt, was der KAV will – für die komplette Reduktion der Nachtdiensträder sind wir momentan nicht vorbereitet. Auf unserer Abteilung merkt man das auch – wir sind gegenüber vor zwei Jahren bereits um zwei Diensträder reduziert worden und die Dienstbelastung wird mehr und mehr.

CredoMedia: In einer Verhandlung muss man allerdings einen Kompromiss finden, zu welchen Einigungen sind diesbezüglich die Ärzte bereit?

Arzt: Ärzte sind eine riesengroße Gruppe und allein wegen des Generationenunterschieds in der Ärzteschaft sind auch die Forderungen anders, die jeder für sich als sehr wichtig erachtet. Ich bin jung, ich bin in Ausbildung und uns fehlt die Zeit für Ausbildung jetzt schon, weil einfach weniger Leute im Dienst sind. Falls weitere Diensträder gekürzt werden, was sicher im Raum steht, wird es vielleicht irgendwann so sein, dass Diensträder nicht mehr von Assistenzsärtzen besetzt werden können, da Assistenzsärtzen alleine wenig oder nichts machen dürfen und die Nachtdienste nur auf Fachkräfte reduziert werden, die alleine handeln dürfen. Da Standardeingriffe am Vormittag was anderes sind wie Notfälle, könnte das ein großes Problem sein, wenn man in seiner ganzen Ausbildung keine Nachtdienste machen kann und dann plötzlich, wenn man fertig ist, sich fragt: „wie sollte man sowas machen?“. Das sehe ich zunehmend als ein Problem und es ist jetzt schon nicht mehr so gut wie vor zwei Jahren als mehr Personal da war, um uns auch im Dienst zu vidieren und anzuleiten.

CredoMedia: Und wo könnte Geld gespart werden, damit wieder mehr Geld für das Spitalwesen frei ist?

Arzt: Diese Frage ist sicher nicht einfach zu beantworten, allerdings muss man einen Kompromiss eingehen – auf der Ärzteseite wird es sich sicher was machen lassen, alles andere kann ich momentan nicht beantworten.

CredoMedia: Manche Ärzte sagen, dass „der weiße Mantel nichts auf der Straße verloren hat“. Was halten Sie davon?

Arzt: Ich hoffe, dass keiner den beim Streik getragenen Mantel bei der Arbeit anbehält (lacht), aber ansonsten sehe ich das schon so, dass man mit Symbolen arbeitet, wenn man etwas an der Öffentlichkeit vermitteln will – und der weiße Mantel ist ein Symbol für uns. Dagegen haben politische Parteien andere Symbole.

CredoMedia: Sind Sie persönlich verwarnt worden, dass es Konsequenzen gibt, wenn Sie streiken?

Arzt: Persönlich an mich namentlich adressiert nicht, aber wir alle haben das E-Mail bekommen (ein internes Schreiben an alle beim KAV beschäftigten Mediziner, mit welchem potenzielle Teilnehmer am Streik vor Dienstpflichtverletzungen gewarnt worden sind, Anm.d.Red.). Von der Abteilung selbst hat es überhaupt keine Drohungen an uns gegeben, der Abteilungsleiter unterstützt uns eigentlich indirekt.

CredoMedia: Und wie ist sonst die Stimmung im Spital?

Arzt: Ich habe in diesem Spital vor etwa dreieinhalb Jahren begonnen und die Stimmung ist definitiv schlechter geworden, als sie früher noch war. Der Druck und die Unzufriedenheit sind gestiegen, die Stimmung hängt sicher auch von dem Ton ab, in dem mit uns gesprochen wird und der ist keinesfalls der beste – das ist sicher auch ein Problem am Ganzen. Es ist definitiv schlechter geworden.

CredoMedia: Vielen Dank für das Gespräch!

*Das Interview führten Christina Kolin und Simona Ganeva

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[1] Assistenzarzt auf einer Abteilung für Anästhesie an einem der am Streik teilnehmenden Spitälern.

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