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Erst die klinisch-pathologische Zusammenarbeit führt zu frühzeitigen Diagnosen und zielgerichteter Therapie

Erst die klinisch-pathologische Zusammenarbeit führt zu frühzeitigen Diagnosen und zielgerichteter Therapie

PK ÖGPath und ÖGGH: „Neue Trends in der Vorsorge-Koloskopie“ (9.9.16, Wien), Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Klimpfinger, Leiter des Pathologisch-bakteriologischen Instituts am Kaiser Franz-Josef - Spital (SMZ-Süd), Präs. der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie (ÖGPath) / IAPAustria



Es mag Sie wundern, dass ausgerechnet ein Pathologe Sie im Vorfeld einer Veranstaltung begrüßt, die sich nicht mit Toten, ja nicht einmal mit schwerer Kranken, sondern mit der Vorbeugung von schwerwiegenden Erkrankungen befasst. Doch wenn am Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) „Neue Trends in der Vorsorge-Koloskopie“ erörtert werden, wird es dabei ganz zentral auch um die Arbeit von Pathologinnen und Pathologen und die enge Zusammenarbeit mit den Gastroenterologinnen und Gastroenterologen gehen. 

Anders als TV-Serien wie Quincy oder CSI glauben machen, beschäftigt sich die moderne Pathologie weit weniger mit Toten als mit Lebenden. Am Pathologisch-bakteriologischen Institut im Kaiser Franz – Josef Spital erstellen die Pathologinnen und Pathologen jährlich rund 150.000 Diagnosen. Wie viele davon, würden Sie schätzen, haben lebenden Patienten gedient? 10 Prozent? 25? Oder 50 Prozent? Tatsächlich beschäftigen wir uns in 95 bis 98 Prozent aller Fälle nicht mit der Feststellung von Todesursachen, sondern tragen mit dazu bei, dass Menschen wieder gesund, oder gar nicht erst schwerer krank werden. Daran lässt sich erkennen, wie sehr sich die moderne Pathologie längst zu einem zentralen diagnostischen Fach, durchaus vergleichbar den bildgebenden Verfahren (Röntgenologie) oder der Labormedizin,  entwickelt hat.

Dass hier am Podium Pathologen und führende Gastroenterologinnen und Gastroenterologen nebeneinander sitzen, ist kein Zufall. Denn gerade die Behandlung von kolorektalen Karzinomen ist ein Musterbeispiel dafür, wie positiv sich die intensive klinisch-pathologische Zusammenarbeit auswirkt. So konnten wir etwa bei Dickdarm- und Mastdarmkrebs in den letzten Jahrzehnten große Behandlungs-Fortschritte erzielen.

Erst die klinisch-pathologische Zusammenarbeit führt zu zielgerichteter Therapie

Bei einem fortgeschrittenen Kolonkarzinom (Dickdarmkrebs) stellt die radikale chirurgische Entfernung oft in Kombination mit Chemo- und Strahlentherapie den meisten Fällen die Therapie der Wahl dar. Hier hängt die Qualität der Behandlung zunächst natürlich von den chirurgischen Fähigkeiten und Techniken ab, ebenso aber von der nachfolgenden Untersuchung durch den Pathologen. Er stellt fest, wie weit sich ein Tumor bereits ausgebreitet hatte und ob das Gewebe weiträumig genug abgetragen wurde. 

Die weiterführende Untersuchung der Lymphknoten zeigt, ob und wie weit sich bereits Metastasen gebildet haben, was für den weiteren Verlauf der Therapie von entscheidender Bedeutung ist. Sind nur nahegelegene Lymphknoten befallen, wird in den meisten Fällen eine adjuvante Chemotherapie angeschlossen. Haben sich bereits Fernmetastasen gebildet, geht die Arbeit der Pathologen aber weiter. Durch die molekularpathologische Bestimmung des Tumorgewebes ist es heute möglich zu erkennen, ob und bei welchen Patienten der Einsatz einer monoklonalen Antikörpertherapie in Frage kommt. Patientinnen und Patienten mit so genanntem Wildtype K- und N-Ras-Status profitieren davon signifikant, während solche mit Mutationen der RAS-Gen-Familie keine Vorteile, sondern eventuell nur die Nebenwirkungen dieser äußerst kostspieligen Therapie erfahren. 

Darüber hinaus ist die Arbeit der Pathologinnen und Pathologen auch für die maßgeschneiderte Nachsorge in der Krebstherapie von entscheidender Bedeutung. Abhängig von den histologischen Befunden können wir heute die optimalen Intervalle für Kontrolluntersuchungen festlegen.

Signifikante Fortschritte in der Vorbeugung

Trotz aller Fortschritte in der Behandlung, gilt unser Hauptaugenmerk natürlich dem Ziel, Tumore oder ihre Vorstufen so frühzeitig zu erkennen, dass eine nahezu hundertprozentige Heilungschance gegeben ist. Etwa 90 Prozent der bösartigen Darmtumoren entstehen aus sogenannten Adenomen, einer zunächst harmlosen Geschwulst der Schleimhaut oder dem Drüsengewebe. Werden bei einer Darmspiegelung solche Adenome entdeckt, ist die Beurteilung, ob es sich dabei um noch gutartige, oder schon welche mit Übergang in bösartige Veränderungen handelt, nur durch die feingewebliche Analyse in der Pathologie möglich. 

Erfreulicherweise konnten wir gerade in der histologischen Untersuchung von Frühkarzinomen in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielen. Anfang der 2000er Jahre haben wir entdeckt, dass nicht nur klassische Adenome eine Vorstufe zum Karzinom bilden sondern in etwa 20 Prozent der Fälle auch ein weiterer Typ, der sich in der mikroskopischen Untersuchung an seinem charakteristischen, sägezahnartigen Muster erkennen lässt. Diese „serratierten Adenome“ wurden in früherer Zeit zu selten erkannt, was im Lauf der letzten Jahre deutlich verbessert werden konnte. Sowohl endoskopisch durch die Gastroenterologinnen und Gastroenterologen als auch  mikroskopisch durch die Pathologinnen und Pathologen wurde die Detektionsrate dieser Läsionen signifikant gesteigert.

Das enge Zusammenwirken von pathologischer und klinischer Expertise, die diese Entwicklungen erst möglich gemacht haben, hat dazu geführt, dass wir heute sagen können: „Darmkrebs ist kein zwingendes Schicksal mehr“. Von wenigen Ausnahmefällen abgesehen, sind die Vorsorgemöglichkeiten inzwischen so gut, dass wir die Krankheit fast immer verhindern könnten. Warum sie dennoch die zweithäufigste Krebsdiagnose darstellt, und wie das in Zukunft verhindert werden kann, wird Ihnen im Folgenden Prim. Michael Gschwantler darlegen.

Foto & Quellennachweis: Techniker Krankenkassa


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