Im Gespräch mit Assoc. Prof. Dr. Podolsky über individualisierte Trainingstherapie
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02.11.16
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Im Gespräch mit Assoc. Prof. Dr. Podolsky über individualisierte Trainingstherapie

Im Gespräch mit Assoc. Prof. Dr. Podolsky über individualisierte Trainingstherapie

Assoc. Prof. Dr. Podolsky, Leiterin des Instituts für Präventiv- und Angewandte Sportmedizin - IPAS, stellt nach Ihrem spannenden Vortrag am Kardiologie Kongress in Linz die individualisierte Trainingstherapie vor.

Individualisierte Trainingstherapie – was kann man sich darunter vorstellen? Was genau ist das? Wie funktioniert es?

Training ist im engeren Sinn eine körperliche Betätigung, die ein Ziel hat, nämlich, dass Wachstumsprozesse angeregt werden, und zwar im Bereich der Muskulatur und im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems. Damit die angeregt werden können, hat man ein gewisses System, dass man einhalten muss. Zu diesem System gehört, dass man gewisse Untergrenzen überschreiten muss. Das heißt, man muss eine gewisse Dauer einhalten, z.B. die Dauer einer Belastung, eine gewisse Intensität einer Belastung, eine gewisse Häufigkeit einer Belastung und auch das immerwährende Durchführen der Belastung. Denn, wenn ich etwas nur zwei Wochen mache, dann ist der Effekt nach einer Woche wieder weg. Und, weil ja nicht jeder Mensch gleich ist – die Menschen sind ja verschieden alt, verschieden gesund, verschieden fit und so weiter – muss ich diesen Reiz, den ich anbringe - denn in dem ich jemanden eine körperliche Belastung machen lasse, bringe ich einen gewissen Reiz an, und diesen Reiz muss ich an die einzelne Person anpassen. Und zwar so, dass dieser Reiz die Person nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert. Wenn der Reiz die Person unterfordert, passiert nämlich überhaupt gar nichts und wenn der Reiz die Person überfordert, kann sie Schaden nehmen. Und sie kann umso mehr Schaden nehmen, je älter und kränker sie ist. Wenn man einen jungen und gesunden Menschen hat, dann kann man den fast machen lassen, was man will; nur wenn es sich um eine Person handelt, die entweder schon älter oder auch kränker ist, sind hier schon schneller Grenzen gesetzt. Besonders dann, wenn die Person schon schwerer erkrankt ist, ist es umso gefährlicher, dass diese Schaden nimmt, wenn man ihn überfordert. Und genau das heißt individualisiert. Ich passe den Trainingsreiz an die Bedürfnisse des Einzelnen an und die Faktoren, die ich dabei berücksichtigen muss, sind:

  • Wie alt ist der Patient?
  • Welche Vorerfahrungen hat dieser?
  • Wie fit ist der Patient?
  • Ob er überhaupt ein Patient ist, das heißt ob er krank ist oder nicht.
  • Wenn krank, was ist es für eine Krankheit und wie lange ist diese her?

Ich muss wissen, welchen Reiz ich anbringen kann, damit der Patient einen Wachstumsprozess erfährt und damit nicht überfordert wird.

 

Das bringt uns eigentlich schon auf die nächste Frage, und zwar: dies bedeutet, man kann diese Therapie prinzipiell schon bei jedem Patienten anwenden, nur das „Wie“ ist hier wichtig?

Genauso ist es. Grundsätzlich kann man es bei jedem Patienten anwenden, der in einer stabilen Phase ist. Das ist sehr wichtig. Also ich kann auf jeden Fall keine Grippe damit heilen, denn das ist eine instabile Phase. Ich kann auch keinen akuten Herzinfarkt damit behandelt, denn ich würde dem Patienten damit wahrscheinlich irreversiblen Schaden zufügen, wenn ich das machen würde. Also, eine Trainingstherapie in der Sekundärprävention gilt für alle Patienten mit chronischen Erkrankungen, die sich in einer stabilen Phase ihrer Krankheit befinden.

 

Wird diese Behandlung stationär oder ambulant angeboten?

Grundsätzlich versorgen wir Herzpatienten und wir machen eine ambulante Herzrehabilitation. Das heißt, der Patient ist zu Hause und kommt für die Therapieeinheiten zu uns. Die Rehabilitation hat laut WHO-Kriterien vier Phasen:

Phase 1 ist die Mobilisation im Krankhaus. Zum Beispiel: der Patient hat einen akuten Herzinfarkt und bekommt beispielsweise einen Herzkatheter oder dergleichen. Der Prozess, bis der Patient wieder aus dem Bett heraus ist, und wieder nach Hause gehen kann, nennt man Phase-1-Rehabilitation. Diese Phase ist ja in der heutigen Zeit bei Herzpatienten sehr kurz. Früher ist man bis zu vier Wochen im Krankenhaus gelegen, heute wird man nach ca. 3 – 5 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen, je nachdem, wie schwer man erkrankt ist.

Daran anschließend kommt die Phase 2. Die kann man alternativ entweder stationär oder ambulant machen. Wenn stationär, dann nicht hier im Haus, also nicht im Akutkrankenhaus, sondern in einem Rehabilitationszentrum. Zum Beispiel in unserem näheren Bereich ist das Großgerungs, Felbring, aber auch in Bad Hall; in Österreich gibt es einige dieser Häuser, auch in Wien gibt es von der PV ein ambulantes Zentrum. Großgerungs und Felbring sind die Häuser, die uns am nächsten und stationär sind. Wir sind ein ambulantes Zentrum, das heißt, der Patient ist zu Hause und kommt für die Trainingstherapien zu uns. Die Therapien sind, sowohl in Großgerungs, als auch bei uns, grundsätzlich gleich. Die Phase 2 dauert, wenn sie stationär behandelt wird, zwei Wochen; bei ambulanter Behandlung sechs Wochen. Bei der ambulanten Behandlung kommt der Patient vier Mal die Woche von Montag bis Donnerstag, immer den ganzen Vormittag, zu uns und bekommt hier seine Therapieeinheiten.

Nach diesem zeitlichen Abschnitt von sechs Wochen hat der Patient die Möglichkeit zur Einreichung der Phase-3-Rehabilitation. Diese Phase-3-Rehab dient dazu, dass man den Patienten noch ein bisschen weiter begleitet, aber nicht mehr so engmaschig, wie bei der Phase-2-Rehabilitation, sondern halt weitmaschiger. Hier kommt der Patient zwei Mal in der Woche zwischen ein und zwei Stunden zum Training und für verschiedene andere Schulungseinheiten.

Die Phase-2-Rehabilitation besteht aus 60 Therapieeinheiten zu je 50 Minuten. Die Hälfte davon sind praktische Einheiten, wo der Patient eben die Trainingstherapie erfährt, wo er also gezielt trainiert wird unter ärztlicher, sportlicher oder physiotherapeutischer Aufsicht und Anleitung. Die zweite Hälfte sind Theorieschulungen, wo der Patient lernt, z.B. wie soll er sich ernähren, auch psychologische Einheiten sind dabei, wo er lernt, wie er mit der Krankheit umzugehen hat. Es ist natürlich nicht einfach, wenn man bis dahin geglaubt hat sozusagen unsterblich zu sein oder mir passiert das ja sowieso nicht und plötzlich bekommt man einen Herzinfarkt. So etwas trifft einen im tiefsten Inneren. Auch diese Situation wird besprochen und man versucht, dies zu verarbeiten. Weiters gibt es Raucherentwöhnung, weil das Rauchen immer noch ein ganz großes Thema ist. Und es gibt auch noch theoretische Schulungen, wo der Patient lernt, was da überhaupt krank ist und wie die physiologischen Zusammenhänge sind und wie die Behandlung funktioniert. Das heißt zum Beispiel, wenn ich jetzt Tabletten verordnet bekomme, was machen diese Tabletten; wie funktionieren sie; wie lange muss ich sie nehmen und auf was muss ich aufpassen. Also in diesem Umfang werden die Patienten von uns betreut.

Bei der Phase 3 kommen die Patienten dann hauptsächlich trainieren und es gibt auch noch theoretische Schulungen, aber in einer wesentlich geringeren Häufigkeit, so ca. zwei Mal in der Woche.

 

Kann man diese Trainingseinheiten auch zu Hause fortsetzen?

Soll man! Die Patienten werden dafür auf jedem Fall, speziell in der Phase 3, hochgradig ermutigt. Denn zwei Mal eine halbe Stunde Training ist sicher viel zu wenig. Es wird der Patient begleitet und ihm wirklich eindringlich auch gesagt, dass er die Behandlung nicht nur hier bei uns, sondern auch zu Hause weiterführen muss.

 

Wie ist das mit schon etwas älteren Patienten? Kann man die Therapie auch hier anwenden?

Absolut. Wir haben Patienten aller Altersgruppen. Unser jüngster ist gerade mal 15 Jahre und unsere ältesten sind 88 Jahre. Und es funktioniert sehr gut, der Patient muss nur fit genug sein, um herzukommen.

 

Wird die Therapie von den Patienten gut angenommen?

Sehr gut sogar. Sehr oft ist für ältere Patienten die Rehabilitation grundlegend dafür verantwortlich, ob er selbständig weiterleben kann oder nicht. Wir haben immer wieder Patienten, die sich am Anfang wirklich schwer tun, wo das Schwierigste das Herkommen ist. Die sich auf dem Weg vom Portier bis zu unserem Therapieraum drei Mal niedersetzen müssen, um es überhaupt zu schaffen, weil sie so schwach sind. Und am Ende können diese Patienten die Strecke durchgehen. Das ist natürlich für einen älteren Menschen ein wesentlicher Unterschied. Man kann sich das als junger Mensch wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Wenn man jung und gesund ist, dann geht man einfach den Weg vom Portier da herein und denkt nicht mal darüber nach. Aber wenn man älter und krank ist, dann kann das wirklich sehr limitierend sein. Das ist der gefühlte Trainingseffekt.

 

Gibt es auch eventuell Nachteile wie z.B. Nebenwirkungen oder dergleichen?

Naja, die Patienten kommen ja nicht – gerade, wenn sie älter sind – meistens mit nur einer Krankheit und rundherum ist alles in Ordnung. Oftmals haben Patienten höheren Alters auch z.B. Abnützungserscheinungen oder ähnliches. Dann kann es natürlich bei manchen Menschen sein, weil sie sich ja mehr bewegen als sonst, dass eventuell z.B. die Kniearthrose, der Schultergürtel, das Kreuz usw. mehr schmerzt als sonst. Da muss man halt darauf schauen, dass man diese Patienten mehr unterstützt und möglicherweise dort auch eine zusätzliche Behandlung angedeihen lässt, wo es halt notwendig ist. Es ist schon so, dass die Therapie nicht schuld ist an seinen Schmerzen, jedoch durch die zusätzliche Bewegung die Schmerzen spürbarer für den Patienten werden. Was wir dann von unserer Seite machen, ist, dass wir sehr genau darauf achten, dass die Übungsausführung sehr korrekt ist, denn die Patienten machen bei uns Ausdauer- und Krafttraining.

Wir bemühen uns, dass wir das Muskelkorsett kräftigen und schauen darauf, dass die Übungen richtig ausgeführt werden. Wenn der Patient dann auch noch zusätzliche Beschwerden hat, dann müssen wir auch teilweise mit anderen Therapien dazu arbeiten. Zum Beispiel zusätzliche Physiotherapie oder dergleichen. Weil das natürlich schon ein Problem sein kann. Aber das ist jetzt so ziemlich die einzige Nebenwirkung, die ich erwähnen möchte. Eine andere Nebenerscheinung kann natürlich ein auftretender Muskelkater sein, oder auch auftretende Müdigkeit, die natürlich auch nicht zu unterschätzen ist, denn bei Patienten, die lange nichts gemacht haben, die können schon anfänglich sehr müde sein.

Aber damit haben die Patienten meistens keine Probleme, das ist eben dieses „Individualisieren“. Wichtig ist hier, dass man vorsichtig beginnt mit der Belastung. Alles andere ist dann eben unsere Kunst, dass wir die Patienten rausholen, die eben heute nicht mitmachen können, weil es halt keine gute Idee ist, wenn z.B. der Patient kommt und sagt er hat seit gestern 38 Grad Fieber oder er hat geschwollene Füße, dann wird das hier nicht weggehen, sondern ganz im Gegenteil, es würde schlimmer werden. Deshalb sagen wir dann als Therapeuten und als Ärzte: „Moment einmal, Sie dürfen wir heute nicht belasten.“ Das ist halt dann die Kunst dessen, der das anleitet und macht. Deshalb ist es individualisiert. Bei jungen Leuten ist das nicht so tragisch, aber bei älteren und kränkeren Menschen muss man da schon aufpassen.

 

Also hier steht „individualisiert“ sehr im Vordergrund?

Natürlich, das ist auch sehr wichtig.

 

Vielen herzlichen Dank für das angenehme und sehr informative Interview, Frau Dr. Podolsky!

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