Je älter, desto besser?
01.12.16
Dr. Gerhard Kögler
Dr. Gerhard Kögler
Arzt
Je älter, desto besser?

Je älter, desto besser?

Der indische Philosoph Krishnamurti wurde gefragt, wie er Menschsein definiere. Er meinte, es ist die Begegnung mit anderen Menschen und unmittelbare Reaktion darauf.

Was in der Philosophie auf diese Weise beschrieben wird, gilt auch in der Medizin. Bereits Paracelsus meinte, der Mensch ist des Menschen beste Medizin. Doch auch in der modernen Hirn- und Stressforschung finden wir Äquivalente. So konnten Untersuchungen zeigen, dass Stressparameter bessere Prädiktoren für Mortalität und kardiovaskuläre Erkrankungen darstellen als z.B. Stoffwechselparameter. Daraus lässt sich schließen, dass eine stabile Stressachse für ein gesundes Altern äußerst wichtig ist. Die Frage ist nun, welche Faktoren dafür wichtig sind. Aus der Epigenetik wissen wir, dass die Resilienz oder Schwäche der Stressachse nach Abschluss der drei epigenetischen Fenster (Embryo, erste vier Lebensjahre, Pubertät) relativ fixiert ist. Wenn so eine Schwäche vorliegt, sollten stabilisierende Faktoren als eine Konstante ins Leben eingebaut werden. Einer dieser Faktoren ist z.B. das Oxytocin. Dieses hat die Potenz, einen erhöhten Stresslevel wieder herunterzufahren. Aus Versuchen mit Schimpansen, unseren nächsten Verwandten, konnte man eine Verdoppelung des Oxytocinspiegels durch gegenseitige Fellpflege finden. Beim Teilen der Beute stieg Oxytocin sogar auf das fünffache an.

Dies zeigt, wie wichtig eine funktionierende Gemeinschaft für den Erhalt eines gesunden Lebens ist, was uns wieder zu Paracelsus zurückführt. Wie aber definiert sich eine gesunde Gemeinschaft? Antworten auf solche bereits philosophischen Fragen finden wir z.B. im Lebenszyklus der fünf Elemente der Traditionellen Europäischen Medizin. Dieser Lebenszyklus erinnert frappant an das Medizinrad der Schamanen Nordamerikas und natürlich finden wir ihn auch in Asien (TCM, TTM). Solch einen idealen Zyklus, den ein Mensch mit Hilfe der fünf Elemente durchwandert, gibt es nicht. Wenn man jedoch darüber Bescheid weiß, kann man im Problemfall erkennen, wo die Dinge schief laufen und gewisse Krankheiten ihren Ursprung haben. Wir erfahren, dass alles Leben aus dem Wasser geboren ist. Wasser, das Element der Geborgenheit, der Nacht, des Winters, des geduldigen Wartens auf die Geburt und all der Möglichkeiten, die da warten, gibt uns das Urvertrauen ins Leben und das Vertrauen in unseren Weg. Im Wasser gibt es auch keine Dualität, kein Ich oder Nicht-Ich, keine Bewertung. Dies sind Eigenschaften, die uns im gesunden Lebenszyklus auch begleiten sollten.

Diese Potentialität des Wassers, unsere Epigenetik, trifft nun auf den Sonnenfunken, also alles, was aus unserer Welt und aus dem Universum auf uns einwirkt, und wird dadurch nochmals verändert. Die Richtungslosigkeit des Wassers (Fruchtwassers) findet in der Geburt ihr Ende und mündet im Ätherelement. Dies ist das Element des Raumes und der Kreativität. Die Eltern stellen dem Kleinkind einen Raum zur Verfügung, in dem es alles kreativ ausprobieren darf, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Ist der Raum zu eng gesteckt, wird das Kind in Zukunft öfter „krumme Wege“ gehen, um ein Ziel zu erreichen. Ist der Raum zu weit, besteht die Gefahr des Sich-Verlierens im weiteren Leben. Hier wird also der Grundstein für den Mut zur eigenen Kreativität, zu den eigenen Visionen gelegt. Dieser Raum wird dann zu eng, wenn sich der Mensch als Jugendliche/Jugendlicher im Element des Feuers wiederfindet.

Das Feuer sind die Hormone, die von den Nieren zum Herzen hinaufsteigen. Feuer scheidet das Weibliche vom Männlichen, und es entscheidet. In dieser Lebensphase kann man lernen, wie es ist, wenn man Entscheidungen trifft, treffen muss, und wie es sich anfühlt, dafür gerade zu stehen. Feuer steht auch für Resonanz. Diese Resonanz sucht die/der Jugendliche in sich und in ihrer/seiner Umgebung. Es ist dies die Gratwanderung zwischen eigener Authentizität und deren sozialer Akzeptanz. Wenn die Jugendlichen das in dieser Phase wegen einer egozentrierten Erziehung oder auch einer egozentrierten Gesellschaft nicht lernen, kann es im weiteren Leben für die Betroffenen zu unerklärlichen Spannungen kommen. Wird die Aufgabe dieser Lebensphase gut gemeistert, dann endet die Resonanzsuche mit der Entdeckung des idealen Partners. Das Feuer entwickelt nun seine letzte und ultimative Fähigkeit, nämlich die Dinge auf den Punkt zu bringen und etwas zu schaffen, das dem Feuer widersteht, nämlich die Erde.

Er wird eine Familie gegründet und es kommt zu einem Stillstand. Alles ist nunmehr den Kindern gewidmet, es passiert jeden Tag dasselbe. In dieser Wiederholung steckt die Liebe der Eltern und diese werden darin immer besser. Und instinktiv verstehen sie die Notwendigkeit dessen. Mit der nötigen Erdverbundenheit wird ein Haus gebaut, der Lebensunterhalt verdient und das tägliche Essen zubereitet. Der Feuerfunke wird tief unter der Erde vergraben und wartet darauf wieder hervorgeholt zu werden.

Das Element der Erde endet, wenn die Kinder außer Haus gehen. Plötzlich gibt es wieder Zeit und Raum, das Element der Luft beginnt. Das ist die Zeit der Reflexion und der Erkenntnis, warum alles so sein musste, wie es war. Und langsam wird der Mensch zum Weisen, der alle Lebensphasen durchgemacht hat und der alle Altersgruppen versteht. Sie oder er werden nun um Rat gefragt, es war dies der Weisenrat. Mit dieser Weisheit gehen sie im Tod wieder in das Wasserelement ein, das Wasser löst die Materie dann gänzlich auf. Aus der Dualität wird am Ende wieder alles eins. Die Weisheit legt sich wie ein Fingerabdruck ans Wasser, aus dem wiederum neues Leben geboren wird.

Die gleiche Geschichte könnte man heute auch mit den Worten Genetik, Epigenetik, Hormone oder Evolution beschreiben. Aber sie wäre um nichts richtiger und mit der Kraft der Bilder der fünf Elemente ist die Geschichte des Lebenszyklus viel schöner und be-eindruckender. Und das Wissen um diesen natürlichen Lebenszyklus nimmt unserem Leben viel negative Spannungen, lässt uns gelassen durch das Leben gehen. Mit dieser Gelassenheit haben wir viel mehr Reserven, um mit Stresssituationen umzugehen und das Wort Burnout wird zum Fremdwort. Eines meiner großen Vorbilder, Paracelsus, meinte, es bringe nicht so viel, im Morast der Gefühle umzurühren. Besser wäre es, Weisheit zu erlangen. Und das Wissen um den natürlichen Lebenszyklus in den fünf Elementen ist ein guter Wegbegleiter dorthin.

Im Schamanismus Nordamerikas wird nun betont, wie wichtig der Weg über reife Erwachsene hin zu einer weisen Ältestenschaft ist. Dies ist die Institution, die einer Gemeinschaft die Richtung vorgibt und eben durch die Weisheit ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Diese weisen Ältesten haben bereits alle Elemente durchlaufen, haben alle Toleranz dieser Welt. Und wenn sie diesen Zyklus richtig verstanden haben, dann lösen sie sich auch immer mehr vom Materiellen, um Platz für das geistig-seelische Wachstum zu schaffen und nicht mehr Geld oder Besitz nachzulaufen. Damit bin ich wieder beim Titel des Beitrags angelangt. Je älter, desto besser, ist hier die falsche Formulierung. Die richtige Lebensaufgabe mit dem richtigen Lebensabschnitt zu verbinden, das kann uns die Erfüllung im Alter bringen. Doch wie oben beschrieben, ist dies nur in einer funktionierenden Gemeinschaft möglich, die auch den Raum und Respekt für solch eine Entwicklung zulässt. Damit bringen wir die Philosophie wieder in die Medizin zurück, wo sie immer schon zu Hause war.

 

Dr. Gerhard Kögler,

Arzt für Allgemeinmedizin, Wien

Ärztlicher Leiter der TEM-Akademie, Wien

www.lifeagents.at

 

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