Aktuelle Gesundheitsplanung in Österreich: Weiterhin kein politischer Auftrag zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten
Aktuelle Gesundheitsplanung in Österreich: Weiterhin kein politischer Auftrag zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten
Aktuelle Gesundheitsplanung in Österreich: Weiterhin kein politischer Auftrag zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten
18.01.17
Dr. Gabriele Grögl
Dr. Gabriele Grögl
Ärztin
Aktuelle Gesundheitsplanung in Österreich: Weiterhin kein politischer Auftrag zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten

Aktuelle Gesundheitsplanung in Österreich: Weiterhin kein politischer Auftrag zur besseren Versorgung von Schmerzpatienten

Statement OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer, Vizepräsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft (Krankenhaus Rudolfstiftung, Wien), bei der Pressekonferenz zu den 16. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (18.01.2017).

Was die Häufigkeit von chronischen Schmerzen angeht, liegt Österreich im internationalen Schnitt von etwa 20 Prozent der Bevölkerung mit verschiedenen chronischen Schmerzformen. Anders als in anderen europäischen Ländern existiert bei uns aber keine strukturierte, abgestufte und flächendeckende Versorgung für Patienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen – zumindest keine, die auch nur annähernd international anerkannte Kriterien erfüllt. 

Das fängt bei Defiziten in der Ausbildung an, setzt sich in einer prekären Versorgungslage im niedergelassenen Bereich und den mangelhaften Strukturen in den Schmerzambulanzen fort und gipfelt in fehlenden spezialisierten Einrichtungen für die rund 350.000 bis 400.000 Menschen mit schwer chronifizierten und beeinträchtigenden Schmerzerkrankungen.

Schmerzambulanzen: Abbau statt Ausbau

Während sich in Deutschland die Zahl der Krankenhäuser, die eine multimodale Schmerztherapie anbieten können, zwischen 2006 und 2014 mehr als verdoppelt hat, werden ähnliche Einrichtungen in Österreich abgebaut. In neun Krankenhäusern wurde der Ambulanzbetrieb während der letzten drei Jahre um mehr als die Hälfte reduziert, neun Schmerzambulanzen wurden in den letzten fünf Jahren vollständig geschlossen. 

Damit existieren in ganz Österreich heute gerade noch 40 Schmerzambulanzen. So gut wie alle davon basieren auf dem Engagement einzelner und sind daher meist die ersten Opfer von Sparbemühungen. Inzwischen fehlt es fast überall an den erforderlichen personellen und zeitlichen Ressourcen, um chronische Schmerzpatienten zufriedenstellend und effizient behandeln zu können. Eine „state of the art“-Therapie ist so, bei allem Engagement der Beteiligten, nur sehr eingeschränkt möglich.

Viele dieser Einrichtungen haben genau genommen eher Alibicharakter und oft gerade drei Stunden pro Tag geöffnet. Umgelegt auf einen 40-Stunden-Betrieb, steht für die große Zahl von Menschen mit chronischen Schmerzen ein Äquivalent von gerade einmal 17,5 Schmerzambulanzen zur Verfügung. Für eine wirkliche Vollversorgung würde es nach unserer Einschätzung etwa 50 weitere Vollzeit-Ambulanzen brauchen. 

Mit Schmerzen in der Arztpraxis: Für die Behandlung fehlt das Geld

Nicht viel besser ist die Situation im niedergelassenen Bereich. Zwar haben inzwischen mehr als 900 Ärzte und Ärztinnen ihre schmerztherapeutischen Kompetenzen mit dem Ärztekammer-Zusatzdiplom „Spezielle Schmerztherapie“ gestärkt – allerdings wird der hohe zeitliche Aufwand für die Schmerz-Diagnostik und -Therapie von den Krankenkassen nicht annähernd abgegolten. Dazu kommt, dass die Zahl der niedergelassenen Kassenärzte im Verhältnis zur Bevölkerung insgesamt seit Jahren rückläufig ist.

Dabei spielen gerade die Allgemeinmediziner und niedergelassenen Fachärzte in der Schmerzbehandlung eine wichtige Rolle. Mit ihrer niederschwelligen Erreichbarkeit, ihrer Vertrauensposition und der häufig bestehenden Betreuungskontinuität sind sie für viele Schmerzpatientinnen und -patienten die erste Anlaufstelle. Hier erfolgt die Abgrenzung akuter von chronischen Schmerzen, hier muss erkannt werden, ob ein bedrohliches Geschehen vorliegt und ab wann die Expertise von spezialisierten Schmerzmedizinern eingeholt werden sollte. Jede Fehleinschätzung erhöht das Risiko einer Chronifizierung und kann den Grundstein für einen langen, schmerzhaften und kostenintensiven Leidensweg legen.

Für eine Optimierung der Schmerzmedizin im niedergelassenen Bereich wären daher – neben entsprechenden Angeboten zur Weiterbildung und Spezialisierung – Versorgungsaufträge auf Basis konsensuell erarbeiteter Versorgungskonzepte bzw. Versorgungsleitlinien ebenso notwendig wie eine angemessene Abbildung schmerzmedizinischer Leistungen in den Honorarkatalogen. 

Politische Lippenbekenntnisse: Kritik am neuen Strukturplan Gesundheit 

Dass es für die Versorgung von Schmerzpatienten keinen Auftrag und keine strukturellen Vorgaben von Seiten der Politik gibt, beklagen wir seit Jahren. Umso größer waren unsere Hoffnungen, dass die anstehende Aktualisierung des „Österreichischen Strukturplan Gesundheit“ diesen untragbaren Zustand endlich beenden könnte. 

Leider scheinen sie sich auch diesmal nicht zu erfüllen, nimmt man den aktuell diskutierten Entwurf zum Österreichischen Strukturplan Gesundheit zum Maßstab. Im gesamten, 177 Seiten dicken, Rohentwurf für das wichtigste Steuerungsinstrument im Gesundheitswesen kommt Schmerztherapie gezählte sieben Mal vor – allerdings nur als Teil von Versorgungbereichen wie Palliativmedizin, Onkologie, Urologie oder Geriatrie. 

Auf die notwendigen Versorgungsstrukturen für chronische Schmerzpatienten oder die Voraussetzungen für eine adäquate postoperative und konservative Versorgung hospitalisierter Patienten wird überhaupt nicht eingegangen. Vorgaben für eine abgestufte Versorgung auf den verschiedenen Ebenen und die dafür erforderlichen Struktur- und Qualitätsmerkmale fehlen völlig. Wenn die Gesundheitsministerin in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage noch im August 2016 meinte, dass ihr eine flächendeckende und abgestufte Versorgung für Schmerzpatientinnen und -patienten „ein großes Anliegen“ sei, kann es sich dabei um nicht mehr als ein Lippenbekenntnis handeln.

Rasch flächendeckende und abgestufte Versorgung aufbauen

Dabei müsste allen damit Befassten längst klar sein, dass wir es uns gar nicht leisten können, die eklatanten Versorgungslücken weiter zu ignorieren. Angesichts der jetzt schon enormen Kosten und einer ständig älter werdenden und damit schmerzanfälligeren Bevölkerung, müssen wir spätestens jetzt mit der flächendeckenden Bildung regionaler Netzwerke auf allen Versorgungsebenen sowie der Umsetzung integrierter Versorgungsprogramme beginnen. 

Wir haben bereits in den Strukturkriterien, die ÖSG-Präsident Jaksch erwähnt hat, dargelegt, was dringend in die Gesundheitsplanung einfließen sollte. Im ersten Schritt brauchen wir besser ausgebildete und spezialisierte Allgemeinmediziner zur Basisversorgung. Weitere Einrichtungen sollten sich dann durch zunehmende Spezialisierung auszeichnen. Eine derart abgestufte Versorgung bezieht Hausärzte, Fachärzte aller Fächer, nichtärztliche Berufe wie Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychotherapeuten, diplomierte Pflege, spezifische Fachabteilungen, insbesondere auch Schmerzambulanzen, bis hin zu multimodalen Schmerzzentren ein. Kennzeichnend ist auf jeder therapeutischen Ebene Interdisziplinarität mit wechselseitiger Auftragsübernahme und Multiprofessionalität.

Was die Ausbildung betrifft, so muss Schmerzmedizin als Querschnittsfach fixer Bestandteil der universitären Ausbildung von Studierenden werden. Die Vermittlung von Schmerzmedizin nicht erst postpromotionell als Fortbildung oder Zusatzausbildung angeboten werden, sondern jede Ärztin und jeder Arzt sollte bereits mit Berufsbeginn ein entsprechendes Rüstzeug erhalten haben. In Deutschland zum Beispiel ist seit 2016 die Schmerzmedizin Prüfungsfach im abschließenden Staatsexamen.

Wir machen unsere Bedenken und Vorstellungen nicht nur hier öffentlich, sondern wenden uns auch direkt an die politischen Entscheidungsträger und appellieren dringend an sie, dass möglichst viel davon noch in den vorliegenden Rohentwurf für den Strukturplan einfließt. 

Reagieren das österreichische Gesundheitssystem und die Versicherungsträger weiterhin nicht auf die seit Jahren immer wieder aufgezeigten Mängel in der schmerztherapeutischen Versorgung, so kommen sie ihren Verpflichtungen gegenüber der steuer-und beitragszahlenden Bevölkerung nicht nach und handeln fahrlässig. Damit würden sie nicht nur weiterhin viel Leid, sondern auch hohe und auf Dauer systemgefährdende Kosten zu verantworten haben.

Quelle: Text: B&K Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung / Titelbild: PK zu den Österreichischen Schmerzwochen (18.01.2017); Copyright: © ​​B&K/Nicholas Bettschart

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