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Wenn Akutschmerz chronisch wird: Europäisches Jahr gegen postoperativen Schmerz – Schmerzkrankheit muss als eigenständiges Problem wahrgenommen werden

Wenn Akutschmerz chronisch wird: Europäisches Jahr gegen postoperativen Schmerz – Schmerzkrankheit muss als eigenständiges Problem wahrgenommen werden

Bereits zum 16. Mal finden ab heute die Österreichischen Schmerzwochen statt. Diese wichtige Informationsinitiative der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) soll, im Einklang mit der jährlichen gemeinsamen Kampagne der Europäischen Schmerzföderation EFIC und der International Association for the Study of Pain IASP, die breite Öffentlichkeit und Entscheidungsträger für Schmerzerkrankungen und eine angemessene Versorgung von Schmerzpatienten sensibilisieren. Betroffene sollen darin bestärkt werden, dass es viele gute Behandlungsmöglichkeiten gibt und Schmerzen nicht schicksalhaft hingenommen werden müssen. 

Im Rahmen dieser Initiative legen wir auch die neue Patientenbroschüre „Schmerzen richtig behandeln“ vor,  die über Ordinationen und Ambulanzen österreichweit verteilt wird (hier zum Download verfügbar sowie unter www.oesg.at).

Mindestens 350.000 Menschen mit „Schmerzkrankheit“ – Zahlreiche Schmerzpatienten mit hohem Risiko

Heute wird das Wort „Volkskrankheit“ fast schon inflationär verwendet. Wenn es um Schmerzen geht, lässt sich die Realität damit aber tatsächlich sehr treffend beschreiben. Wobei wir bei der Definition der Häufigkeit von chronischen Schmerzen unterscheiden müssen zwischen Erkrankungen, bei denen Schmerzen ein zentrales Symptom darstellen, und der eigenständigen „Schmerzkrankheit“. 

  • In Österreich leiden mindestens 1,5 Millionen Menschen an diversen Formen von chronischen Schmerzen. Wie die letzte Gesundheitsbefragung der Statistik Austria zeigt, finden sich unter den zehn meistverbreiteten chronischen Leiden gleich mehrere Erkrankungen, mit denen typischerweise Schmerzen einhergehen: Allen voran Kreuz- und andere Rückenschmerzen, chronische Nackenschmerzen oder Arthrosen. 
  • Davon zu unterscheiden sind jene Menschen, die an chronischen Schmerzen mit assoziierten körperlichen, seelischen und sozialen Beeinträchtigungen leiden, die sich im Sinne einer eigenständigen Schmerzkrankheit „verselbständigt“ haben. In Österreich sind das rund 350.000 bis 400.000 Menschen. Die Behandlung dieser sehr schwer bekämpfbaren Schmerzerkrankungen erfordert multimodale Strategien und muss in der Regel in spezialisierten Einrichtungen erfolgen.

Fakt ist, dass wir in Österreich zwar eine Patientencharta im Gesetzesrang haben, die das Recht auf bestmögliche Schmerzbehandlung garantiert – in der Praxis wird dieses Versprechen aber bei Weitem nicht eingelöst, weil die notwendigen Strukturen fehlen.

Im Entwurf zum österreichischen Strukturplan Gesundheit kommt die Schmerzmedizin “fast nicht” vor. Statt ein Beispiel für andere Krankenhäuser zu sein, hat man an der Wiener Universitätsklinik (MedUni Wien/AKH) den Akut-Schmerzdienst, den es an sieben Tagen und rund um die Uhr geben sollte, reduziert.

Weitere Beispiele aus dem flächenmäßig größten Bundesland Österreichs: “Die Schmerzambulanz am Krankenhaus Horn hat zugesperrt. St. Pölten ist relativ aktiv. In Tulln gibt es zwölf bis 18 Stunden pro Monat (Ambulanzstunden für Schmerzpatienten; Anm.), in Mistelbach zwölf Stunden.” Die entsprechenden Einrichtungen in Mauer und in Neunkirchen hätten zugesperrt. “Südlich von Wien gibt es (in Niederösterreich; Anm.) keine Schmerzambulanz mehr.” Extrem viele Patienten sammelten sich deshalb in den Schmerzambulanzen der Wiener Spitäler an und erhöhen damit die Wartezeiten noch zusätzlich.

ÖSG liefert Grundlagen zur Verbesserung der Versorgung – Gesundheitspolitik ist am Zug

Hier ist nun die Politik am Zug – und die müsste das Rad nicht neu erfinden, sondern könnte, wäre ausreichender Wille vorhanden, auf viel Expertise zurückgreifen. Denn die ÖSG hat – in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen Fachgesellschaften – hier wichtige Beiträge erarbeitet oder tut dies gerade. So haben wir etwa ein Konzept für eine Klassifikation schmerztherapeutischer Einrichtungen vorgelegt, im Sinne einer abgestuften intra- und extramuralen Versorgung von Schmerzpatienten (Versorgungspyramide) -- also welche Art von Beschwerden auf welcher Versorgungsebene, von der allgemeinmedizinischen Ordination bis zur spezialisierten Schmerzklinik, am besten aufgehoben sind. Definiert werden die erforderlichen Leistungs- und Qualitätsstandards unterschiedlicher schmerztherapeutischer Einrichtungen. Ebenso haben wir ein Positionspapier zum postoperativen Schmerzmanagement erarbeitet und bereiten eine Zusatzqualifikation für Fachärzte unterschiedlicher Richtungen – eine „Spezialisierung“ Schmerzmedizin – vor.

Vier von zehn Patienten leiden nach der OP unter starken Schmerzen

Wie wir aus Studien wissen, leiden bis zu 40 Prozent aller Patienten am Tag nach einem chirurgischen Eingriff unter starken Schmerzen 1].  Das gilt in besonderem Maße nach Eingriffen in der Gynäkologie und Geburtshilfe, gefolgt von Eingriffen in der Orthopädie, Traumatologie sowie der abdominalen Allgemeinchirurgie. Auffällig ist, dass vor allem kleinere Eingriffe wie Blinddarm- oder Mandeloperationen oder laparoskopische Eingriffe zu stärkeren postoperativen Schmerzen führen als „große“ Eingriffe.

Unbehandelt werden akute Schmerzen oft chronisch

Unzureichend behandelte postoperative Schmerzen führen zu unnötigem Leid und verzögern die rasche Genesung und Mobilisierung. Besonders problematisch ist, dass nicht oder nicht ausreichend behandelte Akutschmerzen in vielen Fällen chronisch werden können. So zeigt eine im Wiener Wilhelminenspital durchgeführte Studie an mehr als 300 Patienten, dass drei Monate nach einem chirurgischen Eingriff mehr als ein Viertel der Patienten chronische Schmerzen entwickelt hatte.

Prof. Patricia Lavand’homme hat kürzlich beim IASP Kongress Daten gezeigt, wonach bei rund zehn Prozent der Patienten nach einer Operation der Akutschmerz chronifiziert, bei wiederum rund zehn Prozent dieser chronifizierten Patienten sind die Schmerzen so stark, dass sie eine massive Beeinträchtigung darstellen. Bei mehr als 1,2 Millionen Operationen pro Jahr sprechen wir hier also in Österreich von jährlich etwa 120.000 Betroffenen, bei denen postoperative Schmerzen chronifizieren, und etwa 12.000 Patienten mit massiven Beeinträchtigungen aufgrund dieser Chronifizierung.

Der Patient als aktiver Schmerztherapeut

Wir wissen aus Umfragen, dass die Patientenzufriedenheit mit der postoperativen Schmerztherapie nicht nur davon abhängt, wie gut es gelingt die Schmerzen zu lindern. Ebenso wichtig ist den Patientinnen und Patienten, in die Behandlungsentscheidungen eingebunden zu sein 2].  Das setzt allerdings eine umfassende Aufklärung der Betroffenen voraus. 

Den Betroffenen Gehör verschaffen: Patientenbefragung zu postoperativem Schmerz

Im Europäischen Jahr gegen den postoperativen Schmerz haben wir uns das Ziel gesetzt, zu einer nachhaltigen Verbesserung dieser Zustände beizutragen. Dafür brauchen wir auch valide, mit den internationalen Erhebungen vergleichbare, österreichische Daten. Im Zuge der Erarbeitung des aktuellen Positionspapiers zum perioperativen Schmerzmanagement haben wir daher gemeinsam  mit der ÖGARI, unseren Partnern aus den chirurgischen Fächern und aus der Pflege beschlossen, eine groß angelegte Patientenbefragung zu postoperativen Schmerzen durchzuführen. Wir haben übrigens auch das Gesundheitsministerium eingeladen, sich zu beteiligen – auf eine Antwort warten wir bis heute vergeblich. Die Befragung auf Basis eines von den Patienten selbst auszufüllenden Fragebogens soll am 26. und 27. April dieses Jahres in österreichischen Spitälern durchgeführt werden – wir hoffen auf eine rege Beteiligung möglichst vieler Abteilungen.

"Viele Patienten haben Angst, gar keine Schmerzversorgung mehr zu erhalten. Wichtig wäre daher, nicht nur der Aufbau von medialem Druck auf die Gesundheitspolitik, sondern verstärkte Forderungen durch Patienten - wie bei der Unterschriftenaktion der "Allianz Chronischer Schmerz Österreich“. Die Patientenvereinigung forderte die Anerkennung von 'Chronischem Schmerz' als eigenständige Krankheit und, dass jeder Schmerzpatient eine seinem Krankheitszustand entsprechende Therapie erhält."

1] Gebershagen et al; Anesthesology 2013; 118:934,44
2] Register- und Forschungsprojekts „PAIN OUT“, 

Quelle: Text: B&K Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung / Titelbild: PK zu den Österreichischen Schmerzwochen (18.01.2017); Copyright: © ​​B&K/Nicholas Bettschart

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