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„Mehr Kompetenz für weniger Schmerz“: Kampagne für optimale Aus- und Fortbildung für Behandler

„Mehr Kompetenz für weniger Schmerz“: Kampagne für optimale Aus- und Fortbildung für Behandler

Die Österreichische Schmerzgesellschaft will die schmerzmedizinische Versorgung von mehr als 1,5 Millionen chronischen Schmerzpatienten verbessern – durch mehr Ressourcen und einer optimalen Förderung der Aus- und Fortbildung der Behandler. Weitere Schwerpunktthemen der 17. Österreichischen Schmerzwochen sind unter anderem die besonderen Herausforderungen der Schmerztherapie im Alter und Therapie mit Opioid-Medikamenten.

Schmerzpatienten haben wie alle anderen Patienten ein Recht auf die bestmögliche Versorgung und müssen sicher sein können, dass sie exzellent ausgebildete Behandlerinnen und Behandler vorfinden,

erklärt OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer (Wien), Präsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) das Motto der diesjährigen Schmerzwochen „Mehr Kompetenz für weniger Schmerz“. Diese Informationsinitiative findet heuer bereits zum 17. Mal statt.

 

Schmerzmedizinische Aus- und Fortbildung auf allen Ebenen intensivieren

 

„Für eine gute schmerzmedizinische Versorgung ist eine solide schmerzmedizinische Kompetenz der Behandlerinnen und Behandler wesentlich“, so Dr. Grögl-Aringer. Was die postpromotionelle Fortbildung betrifft, wurde vor zehn Jahren auf Initiative der ÖSG ein Schmerzdiplom der Österreichischen Ärztekammer geschaffen. Rund 1.000 Ärztinnen und Ärzte haben diese Ausbildung bereits absolviert. „Die Qualität der Behandlung der häufigsten Schmerzformen konnte damit verbessert werden“, zieht die ÖSG-Präsidentin eine positive Bilanz. „Das vertiefte Wissen um das komplexe Phänomen Schmerz erhöht die Chancen auf eine rasche und treffsichere Diagnose und adäquate Therapie.“

 

Aktuell bemüht sich die ÖSG gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften darum, eine zweite, weiterführende Zusatzausbildung zu etablieren. „Ein weiteres Diplom für spezielle multimodale Schmerztherapie soll auf dem ersten aufbauen und vor allem zur Behandlung chronisch Schmerzkranker in Spezialeinrichtungen befähigen. Das anspruchsvolle Ausbildungspaket umfasst eine breite Themenpalette, von der Schmerzerfassung, den besonderen Erfordernissen im Umgang mit chronischen Schmerzkrankheiten bis zur palliativen nuklearmedizinischen Schmerztherapie, Methoden der physikalischen Medizin oder Stimulationstechniken“, erklärt ÖSG-Generalsekretär Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar (Klagenfurt). Die Ausbildung soll sehr praxisorientiert erfolgen, multimodale Therapiekonzepte finden breiten Raum. „Ich bin zuversichtlich, dass dieses wichtige Paket bald im Rahmen der Ärztekammer beschlossen werden kann.“

 

Defizite bei der Versorgung von Schmerzpatienten

 

In Österreich leiden etwa 1,5 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Bei 350.000 bis 400.000 davon haben sich diese Leiden soweit verselbstständigt, dass Experten von einer eigenständigen Schmerzkrankheit sprechen, die mit schweren körperlichen, seelischen und sozialen Beeinträchtigungen einhergeht und mit multimodalen Ansätzen in speziellen Einrichtungen behandelt werden muss.

 

Die Optimierung der Schmerzversorgung sei eine wichtige gesundheitspolitische Herausforderung, so Dr. Grögl-Aringer. Denn die Zahl der Betroffener nimmt zu, wie auch eine aktuelle Umfrage unter Allgemeinmedizinern zeigt, die die ÖSG gemeinsam mit dem Ärztemagazin durchgeführt hat. „Wie eine flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung beschaffen sein müsste, haben wir in einem detaillierten Strukturkonzept dargestellt und auch die auf jeder Ebene vorhandenen Defizite aufgezeigt“, so die ÖSG-Präsidentin.

 

Das beginnt auf der Ebene der niedergelassenen Ärzte, die für Schmerzpatienten die erste Anlaufstelle sein sollten. „Nach wie vor werden zeitaufwendige schmerzmedizinische Leistungen nicht adäquat honoriert“, sagt Dr. Grögl. „Nur fünf Prozent der Allgemeinmediziner gaben in unserer Umfrage an, dass der Leistungskatalog der Krankenkasse in ihrem Bundesland die Anforderungen der Schmerzmedizin ausreichend abbilde.“

 

Auch in den Krankenhäusern ist die Situation nicht optimal. Wie eine neue Erhebung zeigt, gibt es aktuell in ganz Österreich gerade 48 Schmerzambulanzen, die regional sehr ungleich verteilt sind und von denen aber 85 Prozent weniger als 35 Stunden in der Woche offenhalten. Im Durchschnitt liegen die Öffnungszeiten bei nur 18 Stunden pro Woche. „Es bestehen meist wochenlange Wartezeiten auf einen Behandlungstermin, wie auch die aktuelle Umfrage unter Allgemeinmedizinern bestätigt.“, so Dr. Grögl-Aringer.  „Vor diesem Hintergrund kann mein Appell an die neue Bundesregierung nur lauten, den Schmerzpatienten mehr Aufmerksamkeit zu schenken als das bisher der Fall war. Österreich braucht dringend eine Aufwertung der schmerzmedizinischen Aus- und Weiterbildung und mehr Ressourcen auf allen Ebenen der Versorgungskette für unsere Patienten.“

 

Opioide gehören in die Hände von Spezialisten

 

Wie wichtig eine fundierte Aus- und die laufende Weiterbildung gerade in der Schmerzmedizin sind, zeigt nicht zuletzt auch die aktuelle Debatte um den Einsatz von Opioiden, so Prof. Likar. Vor allem in den USA gab es zuletzt heftige Debatten um diese potenten Schmerzmittel. Nach Berechnungen der New York Times starben 2016 rund 60.000 Menschen an einer Überdosis durch verschreibungspflichtige Schmerzmittel und Heroin. Das sind 19 Todesopfer jeden Tag – rund 20 Prozent mehr als im Jahr davor. US-Präsident Donald Trump hat vergangenen Oktober sogar den „nationalen Gesundheitsnotstand“ ausgerufen.

 

„In Österreich sind solche Befürchtungen unangebracht“, erklärt Prof. Likar. „Anders als in den USA, wo Opioide mitunter sogar schon bei leichten Schmerzen verschrieben werden, gibt es hierzulande strenge Regeln wie das Suchtmittelrezept und klare Empfehlungen für sinnvolle Indikationen, die auch eingehalten werden.“ Opioide haben sich als wichtiger Teil eines multimodalen Behandlungskonzepts bei chronischen, auch nicht-tumorbedingten Schmerzen etabliert. Auswüchse wie in den USA, so Prof. Likar, seien in Österreich nicht zu befürchten. „Eher ist das Gegenteil der Fall. Immer noch verbreitete Berührungsängste verhindern nicht selten, dass Patienten mit chronischen Schmerzen eine ausreichende Therapie, die auch Opioide in verschiedenen Darreichungsformen und Dosierungen einschließt, bekommen.“

 

Demografische Entwicklung bringt neue Herausforderungen

 

Wie ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, werden die Anforderungen an die schmerzmedizinische Versorgung noch weiter steigen. Ungebrochen steigt die Lebenserwartung in Österreich in jedem Jahrzehnt um weitere zwei Jahre an. Während derzeit erst 18 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind, werden es 2030 bereits mehr als 25 und 2060 über 28 Prozent sein. Wie Studien zeigen, leiden in dieser Altersgruppe bereits drei Viertel unter Schmerzen, betont ÖSG-Präsidentin Dr. Gabriele Grögl-Aringer.

Um die absehbar wachsende Zahl an Patienten zu versorgen, müssen nicht nur die Strukturdefizite schnellstmöglich beseitigt werden, die Schmerzbehandlung bei älteren Menschen erfordert auch in vielerlei Hinsicht eine besondere Expertise.

So stellt die Tatsache ein besonderes Problem dar, dass ältere Menschen häufig nicht nur unter Schmerzen, sondern unter einer Vielzahl anderer Symptomen und Erkrankungen leiden. Das macht eine Vielzahl von unterschiedlichen Medikamenten erforderlich. „Diese Polypharmazie muss schmerzmedizinisch ebenso berücksichtigt werden wie Organfunktionsstörungen, um Arzneimittelintraktionen und medikamentöse Nebenwirkungen und Komplikationen möglichst vermeiden können“, so Dr. Grögl-Aringer.

 

Was generell bei chronischen Schmerzen gilt, gilt bei älteren Menschen ganz besonders: Der Schmerz kann häufig erst dann ausreichend beherrscht werden, wenn die Schmerzmedikation im Rahmen multimodaler Behandlungen durch nicht-medikamentöse Therapieverfahren ergänzt wird.

 

Dr. Grögl-Aringer:

Die Schmerztherapie im Alter stellt eine Reihe besonderer Anforderungen. Auf viele davon ist unser Gesundheitssystem nicht genügend vorbereitet. Die ÖSG wird auch hier weiter als Anwalt der Betroffenen agieren und dieses Thema mit Nachdruck weiterverfolgen.

Mit diesem Anspruch werden wir auch unseren Jahreskongress im kommenden Mai diesem Scherpunktthema widmen.“

 

Nähere Infos zum kommenden 26. Wissenschaftlicher Kongress der Österreichischen Schmerzgesellschaftm „Schmerzmedizin trifft Altersmedizin“ (24. bis 26. Mai 2018, Linz) finden Sie hier.
 

Quelle: Pressemeldung B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung

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