Kindern die Angst vor dem Zahnarzt nehmen
Dr. Lydia Busenlechner
Dr. Lydia Busenlechner
Zahnärztin
Kindern die Angst vor dem Zahnarzt nehmen

Kindern die Angst vor dem Zahnarzt nehmen

Dr. Lydia Busenlechner gibt Tipps und Tricks wie man Kinder spielerisch und völlig angstfrei an die Zahnbehandlung heranführen kann

Als ich im April 2002 meine zahnärztliche Ordination in Liesing eröffnete, war ich erfüllt von der Idee, bei jedem meiner Patienten das zu vermeiden, was mir als Kind widerfahren war – unsensible, ja grobe Behandlung. Mehr noch hatte ich das Ziel, besonders einfühlsam und geduldig zu sein.

Als dreifache Mutter kenne ich eine Unzahl von Kinderliedern, Gedichten, Geschichten, Fingerspielen und finde damit schnell Zugang zu Kindern und habe auch keine Berührungsängste gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen. Schnell erkannte ich, dass vor allem diese beiden Patientengruppen ein anderes Tempo bei der Behandlung brauchen. Schon das Betreten der Ordination war für manche von ihnen so aufregend, dass die Tränen bereits flossen, bevor mich die Patienten überhaupt persönlich im Behandlungsraum kennen lernten, oft schon im Stiegenhaus.

 

Kontaktaufnahme auf Augenhöhe

Deshalb begrüße ich meine Patienten und ihre Begleitpersonen schon an der Eingangstüre oder spätestens im Wartezimmer. Dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen, mich vor ihm auf dem Boden zu setzen oder zu knien und so Kontakt aufzunehmen, hilft enorm, seine anfängliche Scheu zu überwinden. Ich verwickle Kinder gerne in Gespräche, vorsichtig darauf bedacht, altersentsprechende Worte zu verwenden. Immer gibt es etwas, das zum Thema gemacht werden kann: z.B. ein mitgebrachtes Kuscheltier, glitzernde oder leuchtende Kinderschuhe, hübsche Haarspangen, Motive auf T-Shirts oder Hosen. Nicht selten verplaudere ich mich mit meinen kleinen Patienten!

Wenn ein Kind nach einiger Zeit bereit ist, mit uns in den Behandlungsraum zu gehen, ist schon ein wesentlicher Schritt in Richtung guter Vertrauensbasis geschaffen. Gewonnen hat man aber noch nicht – das Tempo gibt immer das Kind vor.

Neugier wecken

Der nächste Schritt ist, das Kind neugierig zu machen: z.B. auf unseren Behandlungsstuhl, mit dem wir es, oft am Schoß von Mama oder Papa auf- und abfahren lassen, begleitet von einem dazu gesungenen Lied. Die Behandlungsleuchte nennen wir Sonne. Manche Kinder nehmen die angebotene Sonnenbrille gerne in Anspruch, um nicht die Augen wegen der Helligkeit schließen zu müssen. Die Multifunktionsspritze wird bei uns „Zahndusche“ und „Zahnfön“  genannt. Die Kinder dürfen damit spielen, den Wasserbecher befüllen und Wattekugeln mit dem Fön wegpusten. Dann folgt Schlürfi,  der Sauger. Auch diesen Gegenstand zeigen wir den Kindern vorab und probieren ihn zuerst an unseren eigenen Handflächen, dann an jenen des Kindes aus. Es gibt bei uns auch keine Bohrer, sondern Zahnputzer, Besen und Putzmaschinen. Dieses Vorgehen nennt man die tell-show-do-Methode. In dieser sensiblen Phase des einander Kennenlernens ist Zeitdruck absolut tabu. Schnell kann sonst schon gewonnenes Vertrauen verspielt werden.

Regeln für Begleitpersonen

Ein wesentlicher Faktor in der erfolgreichen Kontaktaufnahme mit einem Kind ist das Verhalten der Begleitpersonen. Sie bekommen daher beim ersten Besuch an der Rezeption ein Informationsblatt mit unseren „Spielregeln“, z.B.:

·         Wir sprechen, Mama/Papa ist stiller Zuschauer.

·         Kind soll nicht gestreichelt werden, es gibt keinen Anlass Trost zu spenden.

·         Keine Aussagen wie: keine Angst, tut nicht weh, etc.

Manche Eltern sind enttäuscht, wenn der erste Besuch ohne Behandlung endet. Dies geschieht jedoch mit Absicht: Das Kind soll langsam in die Situation eingeführt werden. Niemand erwartet am ersten Schultag, dass sein Kind schon alleine in der Schule bleibt und arbeitet. Warum soll das beim Zahnarzt anders sein?

Eine Desensibilisierungssitzung beziehungsweise eine Mundhygiene sind die nächsten Schritte. Dabei wird jeweils vorsichtig Schritt für Schritt weitergegangen. Gegenstände, die man nicht sehen kann, während sie benutzt werden, weil sie sich im Mund befinden, erscheinen Kindern oft unheimlich.

Daher sollen die Kinder Schlürfi  und Zahnputzer im Mund erfahren, die Geräusche hören, die, wenn sie im Mund ertönen, ganz anders klingen. Wenn mich die geschulte Mundhygieneassistentin nach dieser Sitzung informiert, dass das Kind gerne mitarbeitet, steht einer ersten Zahnbehandlung, mit vielen Liedern und Konfusionstechnik, nichts mehr im Wege.

Konfusionstechnik & Co.

Bei der Konfusionstechnik wird das Kind mit Informationen überladen und dadurch beschäftigt bzw. abgelenkt. Die Assistentin und ich führen eine Art Doppelconference. Das klingt etwa so:

Ich: „Heute ist es aber ganz schön heiß.“

Sie: „Ja, deshalb hab‘ ich auch den Schianorak angezogen.“

Ich: „Den, der nach roter Banane schmeckt?“

Sie: „Nein, den braucht mein Hund Fipsi heute, wenn er in die Arbeit geht.“ … usw. usw. 

Zeitgleich bekommen die Kinder einen Zauberstab in die linke Hand, in dem bunte, glitzernde Steinchen herumwirbeln. Dadurch lässt sich eine Art Trance induzieren. Dass in jedem Behandlungsraum ein Fernsehapparat zur Ablenkung zur Verfügung steht, hilft ebenso ungemein. Positive Worte unterstützen die Behandlung, wie etwa: „Das machst du großartig“, „Du hilfst wunderbar mit“, etc. Wenn für eine Behandlung eine lokale Betäubung nötig ist, zeigen wir dem Patienten ein buntes, gut riechendes Oberflächenanästhesie-Gel und applizieren es dann mit einem Wattestäbchen auf das Zahnfleisch.

Anschließend erfolgt die Anästhesie mit einer ultrafeinen Nadel. Wir machen unsere Patienten darauf aufmerksam, dass der Zahn nun einen „Schlafpolster“ bekommt, und dass sich das wunderbar kribbelig anfühlt. Gefühle werden überhaupt immer mit unlogisch erscheinenden Worten beschrieben, z. B.: „Gleich wird es in deinem Mund grüngestreift schmecken, nach Regenbogen oder Luftballons.“ Das Kind ist so beschäftigt damit, das Gehörte zu verarbeiten und zu verstehen, dass die Ablenkung perfekt ist. Wenn das Kind ausspülen möchte, tut es dies mit durch Lebensmittelfarbe rot gefärbtem Wasser. Damit entfällt der Schreckmoment, der sich sonst häufig beim Blutausspucken einstellt. Watterollen sind Zahnhandtücher, Wattepellets sind Zahnwaschlappen – es gibt für alles ein kindgerechtes Wort.

Lob für tolle Mitarbeit

Nach Ende der Behandlung steht Lob an erster Stelle. Eine Urkunde für besonders tolle Mitarbeit, unterschrieben von Arzt und Assistentin und eine Münze, mit der das Kind ein Geschenk im Wartebereich aus einem Automaten holen kann, runden den Besuch ab. Für mich ist es die größte Bestätigung für den richtigen Weg in der Behandlung der Kinder, wenn mir Eltern und sehr oft auch die Kinder sagen, dass sie sich schon sehr auf den nächsten Besuch bei mir freuen.

www.sleepandsmile.at

 

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