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Schlaganfall-Früherkennung: Neue Studien zu geschlechtsspezifischen Besonderheiten

Schlaganfall-Früherkennung: Neue Studien zu geschlechtsspezifischen Besonderheiten

Die gute Nachricht zum Welt-Schlaganfall-Tag, der am 29. Oktober begangen wird, gleich einmal vorweg: Ein großer Teil aller Schlaganfälle wäre vermeidbar. Das zumindest legen kürzlich in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Daten der INTERSTROKE-Studie(1) nahe: Zehn beeinflussbare Risikofaktoren sind weltweit für etwa 90 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich – und dies gilt für alle Weltregionen, Altersgruppen, ethnische Gruppen und für Männer und Frauen in gleicher Weise: Bluthochdruck, Bewegungsmangel, ungünstige Blutfettwerte, Ernährung, das Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang, psychosoziale Faktoren, Rauchen, Alkohol, kardiale Erkrankungen und Diabetes.

Alarmsignale werden oft nicht erkannt

Jeder Schlaganfall ist ein dringender medizinischer Notfall. Das wissen heute zum Glück die meisten Menschen. Ein Problem ist allerdings, dass immer noch zu wenige in der Lage sind, die Symptome eines Schlaganfalls richtig zu erkennen. Deshalb geht oft wertvolle Zeit verloren. Für Schlaganfall-PatientInnen kann das fatal sein. Je länger ein Gerinnsel die Blutversorgung bestimmter Gehirnregionen blockiert, desto mehr Areale werden geschädigt oder gehen unwiederbringlich verloren. Das Motto „Zeit ist Hirn“ ist daher beim akuten Schlaganfall immer die oberste Prämisse.

Was wir aus der Praxis kennen, belegt auch eine aktuelle spanische Studie(2): Kenntnisse über die Begleitumstände eines Schlaganfalls sind in der Bevölkerung unbefriedigend entwickelt.  Das Wissen über Symptome unterscheidet sich bei Männern und Frauen nicht – fast drei Viertel aller Befragten waren in der Lage, zumindest ein Anzeichen für einen Schlaganfall zu nennen. Die am häufigsten genannten Symptome waren unspezifische wie plötzliche Schwäche, Schwindelgefühle oder Kopfschmerzen. Frauen wissen, so zeigte die Untersuchung, zwar besser über Schlaganfall-Risikofaktoren Bescheid. Doch treten Alarmsignale auf, rufen sie deutlich seltener und später die Rettung als Männer.

Einen alarmierenden Befund über die Gründe, warum oft nicht rechtzeitige Hilfe geholt und die Behandlung unnötig verzögert wird, hat kürzlich eine französische Studie gebracht(3). Demnach ist nicht nur mangelndes Wissen über die Symptome und über die Tatsache, dass es sich beim Schlaganfall um einen medizinischen Notfall handelt, der raschen Reaktion hinderlich. Es haben auch viele Betroffene das Gefühl, ein Schlaganfall sei ein Schicksalsschlag, dem man mangels wirksamer Behandlungsmethoden ohnehin machtlos ausgeliefert sei.

Aus gutem Grund steht daher der diesjährige Welt-Schlaganfall-Tag unter dem globalen Motto: „Schlaganfall ist behandelbar“ – denn offenbar ist es nötig, auch für diese Tatsache mehr Bewusstsein zu schaffen. Faktum ist: Das frühe Erkennen der Symptome, die Behandlung als medizinischer Notfall und die Aufnahme in einer speziellen Schlaganfalleinrichtung können den Ausgang eines Schlaganfalls stark verbessern.

Symptome rasch und richtig identifizieren

Zwar können Schlaganfälle sehr unterschiedliche Symptome aufweisen, allerdings gibt es doch Gemeinsamkeiten, die auch Nicht-Mediziner leicht erkennen können. Ein hilfreicher Leitfaden ist die sogenannte „FAST“-Regel:

  • F wie Face (Gesicht): Hängt der Mundwinkel auf einer Seite herab?
  • A wie Arm: Ist ein Arm gelähmt und damit schwächer als der andere?
  • S wie Speech (Sprache): Kann die Person sprechen? Sind Worte oder Silben vertauscht, ist die Sprache verwaschen?
  • T wie Time (Zeit): Handeln Sie schnell und rufen Sie sofort die Rettung!

Keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Symptomen

Immer besser untersucht ist auch die Frage, ob sich Schlaganfall-Symptome bei Frauen und Männern unterschiedlich präsentieren. Dies ist im Allgemeinen offenbar nicht der Fall, wie Daten einer kanadischen Studie(4) zeigen, die diesbezüglich fast 6.000 PatientInnen mit transitorisch ischämischer Attacke (TIA) analysierte. Plötzliche Schwäche, Sprachstörungen, und sensorische Störungen traten bei beiden Geschlechtern in gleicher Weise auf, nur über Kopfschmerzen klagten betroffene Frauen etwas häufiger.

Frauen und Schlaganfall: Gleiche Behandlung, schlechtere funktionelle Ergebnisse, niedrigere Sterblichkeit

Eine geschlechtsspezifische Auswertung von knapp 50.000 österreichischen Schlaganfall-PatientInnen, die im österreichischen Stroke-Unit-Register erfasst sind(5), hat gezeigt, dass Frauen drei Monate nach dem Ereignis deutlich schlechtere funktionelle Ergebnisse aufwiesen, aber bezüglich der Sterblichkeit im Vorteil waren.

Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas bei der PK (25.10.2016) zum Welt-Schlaganfalltag (Quelle: B&K-Kommunikationsberatung)
Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas bei der PK zum Welt-Schlaganfall-Tag (25.10.2016), Quelle: B&K-Kommunikationsberatung 

Unterschiede in der Therapie dürften dafür nicht verantwortlich sein: Bei Frauen und Männern verging zwischen dem Ereignis und dem Eintreffen im Krankenhaus gleich viel Zeit. Das Gleiche galt für die Zeitspanne zwischen stationärer Aufnahme und den angemessenen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Beim Anteil von mit Thrombolyse behandelten Patienten gab es ebenso wenig Geschlechterunterschiede wie bei Neurorehabilitationsmaßnahmen. Nur blutfettsenkende Statine wurden Frauen seltener verschrieben.

Unterschiede im Ergebnis dürften damit zu tun haben, dass Frauen statistisch gesehen rund sieben Jahre später einen Schlaganfall erleiden als Männer und schon aufgrund des höheren Alters bereits einen schlechteren Allgemeingesundheitszustand haben. Sie erleiden auch häufiger schwere Schlaganfälle.

Voraussetzung für die optimale Therapie: Bedeutung der innovativen Diagnostik

So wesentlich beim Schlaganfall die Früherkennung ist, so sehr muss auch die wichtige Rolle der nachfolgenden Diagnostik betont werden. Denn die typischen Schlaganfall-Symptome sagen noch nichts über die Veränderungen im Gehirn aus, die der Schlaganfall verursacht hat. Diese sollten aber mit den innovativen diagnostischen Methoden möglichst rasch nachgewiesen werden – zum Beispiel, wie groß der Infarkt ist, oder wie viel Gehirngewebe bereits unrettbar geschädigt wurde. Schon angesichts der zunehmend breiteren Palette von Optionen der Akuttherapie liefert die moderne Bildgebung die Grundlage für die Wahl der optimalen Therapie.

Literatur:

1 O’Donnell et al (2016) Global and regional effects of potentially modifiable risk factors associated with acute stroke in 32 countries (INTERSTROKE): a case-control study. The Lancet 388: 761-773
2 Ramirez-Moreno et al (2015) Knowledge of stroke study from a sex perspective. BMC Res Notes (2015) 8:604
3 Le Bonniec et al (2016) Why Patients Delay Their First Contact with Health Services After Stroke? A Qualitative Focus Group-Based Study. PLoS ONE 11(6): e0156933. doi:10.1371/journal.pone.0156933
4 Li et al (2016) Sex Differences in the Presentation, Care and Outcomes of Transient Ischemic Attack. Results from the Ontario Stroke Registry. Stroke 47:255-257
5 Gattringer et al (2014) Sex-Related Differences of Acute Stroke Unit Care. Results from the Austrian Stroke Unit Registry. Stroke 45:1632-1638

Quelle (Text): Statement Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas, aufrufbar unterB&K Kommunikationsberatung-Journalistenservice

Titelbild: Copyright: © lightwise / 123RF

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