Ab wann ist man gebrechlich? Dr. Schickmair im Interview
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16.11.16
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Ab wann ist man gebrechlich? Dr. Schickmair im Interview

Ab wann ist man gebrechlich? Dr. Schickmair im Interview

Dr. Schickmair vom Krankenhaus der Elisabethinen Linz über Gebrechlichkeit und dem Alltag in einer Akutgeriatrie.

Was bedeutet Gebrechlichkeit? Welche Bedeutung hat dieser Begriff in der Medizin?

 

Gebrechlichkeit kann man am besten zusammenfassen als verminderte Reserve. Die physiologischen Reserven sind praktisch schon permanent bei den normalen Alltagsaktivitäten in Gebrauch. Und kommt dann noch irgendwas Unvorhergesehenes dazu, wie irgendeine Erkrankung, dann kippt das System in dem Sinne, dass die Patienten sich deutlich verschlechtern. Das betrifft vor allem die Selbstständigkeit, aber auch die kognitiven Fähigkeiten. Auf einmal sind diese Patienten viel mehr auf Fremdhilfe angewiesen.

 

Definitionen von Gebrechlichkeit gibt es unterschiedliche, die gebräuchlichsten sind phänomenologische Beschreibungen. Das heißt, Veränderungen, welche die Patienten auszeichnen und die sichtbar sind. Da geht es meistens um Gewichtsverlust, verringerte Aktivität, weniger körperliche Aktivität, Müdigkeit, Erschöpfung. Das sind so die Hauptthemen und wenn man es runter bricht auf das Körperliche, dann ist es die verminderte Muskelkraft, die so genannte Sarkopenie. Die kann man auch gut feststellen und testen. Die Patienten haben Schwierigkeiten vom Sessel hoch zu kommen, haben eine verminderte Armkraft. Die Auswirkungen auf die medizinischen Therapien ergeben sich dadurch, wenn die Reserven weniger sind, dann reicht eine kleine Komplikation, ein kleineres Problem, welches den Patienten dann wirklich in Schwierigkeiten bringen kann. So etwas kann man sich bei einem jüngeren oder einem nicht gebrechlichen Patienten nicht vorstellen oder erwarten. Und deshalb sind das Patienten, die man ganz besonders gut im Auge haben muss, weil die einfach prädisponiert sind für Probleme.

 

Es gibt ja mehrere Fragebögen mit Skalen um Gebrechlichkeit festzustellen. Werden die Patienten daran „gemessen“ und danach behandelt?

 

Nein. Es gibt sehr viele verschiedene Skalen und Einstufungs- bzw. Diagnosekriterien. Die gebräuchlichste ist nach wie vor die der Linda Fried und zwar die Fried Frailty Kriterien. Wir gehen auch nach diesen Kriterien vor um Gebrechlichkeit zu diagnostizieren, weil diese einfach am häufigsten evaluiert wird. Wobei man ehrlich dazu sagen muss, dass ein klinisch erfahrener Arzt Gebrechlichkeit auch ohne ein näheres Instrument feststellen kann. Ein erfahrener Arzt sieht und merkt am Patienten, ob dieser gebrechlich ist oder nicht. Viele Ärzte, die chronisch Kranke Patienten immer wieder betreuen, wissen sehr genau, was Gebrechlichkeit ist. Die haben das auch ohne Diagnosekriterien gut im Griff und verstehen das Problem.

 

Sie arbeiten hier in der Akutgeriatrie-Abteilung.  Worin besteht der Unterschied zwischen Geriatrie und Akutgeriatrie?

 

Keiner – oder eher ein künstlicher. Geriatrie hat oft den Beigeschmack von Pflegeheim oder Altersheim. Daher hat man mit dem Begriff „Akut“ versucht, der Geriatrie einen gewissen Stellenwert im Versorgungskrankenhaus beizumessen. Hier entstehen leider immer viele Begriffsprobleme, wie Geriatrie = Altersheim. Das stimmt natürlich nicht. Hier trifft man geriatrische Patienten mit einem akuten Problem. Das ist aber auch ein Problem der deutschen Sprache.

 

Wie sieht ein Alltag auf der Akutgeriatrie aus? Was machen Sie genau?

 

Wir sind eine internistisch orientierte und geführte Akutgeriatrie. Wir haben internistisch kranke Patienten, das umfasst die ganze Palette an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir haben aber auch Patienten, die durch einen vorhergegangenen Unfall und einer anschließenden Operation, typischer Weise nach einer Schenkelhalsfraktur, in ihrer Mobilität limitiert sind. Meist sind das Patienten, die wir vom UKH übernehmen und remobilisieren. Wir haben auch Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen, die im ambulanten Setting nicht ausreichend gut führ- und einstellbar sind. Das sind die Patienten, die zu uns kommen.

 

Was unterscheidet uns von einer normalen internen Abteilung?

 

Einerseits der gesamtheitlichere Zugang, da bei uns einfach ganz genau auf die spezifisch geriatrischen Problemfelder zusätzlich geachtet wird. Andererseits weil Multimorbidität vielleicht die beste Definition von geriatrischem „Tun“ ist. Unsere Patienten haben meist nicht nur ein Problem, sondern mehrere und unsere Spezialität dabei ist, zu priorisieren: Was ist jetzt wichtig? Zu entscheiden, was wird als Erstes gemacht, was steht aktuell im Vordergrund. Was uns noch unterscheidet ist, dass die Physio- und Ergotherapeuten permanent auf der Station sind. Sie sind ein integraler Bestandteil der Abteilung und vor allem der Therapie. Wir haben zusätzlich eine wöchentliche Sitzung mit allen Berufsdisziplinen, die am Patienten tätig sind mit einer Besprechung jedes einzelnen Patienten aus ärztlicher, pflegerischer, psychologischer, physio- und ergotherapeutischer Sicht. Als letzten Punkt, genießen wir ein Privileg, was die Aufenthaltsdauer unserer Patienten betrifft. Bei uns sind die Patienten länger, als auf anderen Akut-Stationen. Das ist gerade bei älteren, gebrechlichen Patienten sehr wichtig, die einfach nicht mehr so schnell wieder auf ihr ursprüngliches Niveau kommen können. Im Durchschnitt sind die Patienten 14 Tage bei uns.


Werden Ihnen die Patienten intern von einer anderen Abteilung zugewiesen oder werden die Patienten direkt zu Ihnen geschickt?

 

Beides ist richtig. Wir haben Patienten von anderen Abteilungen, bei denen wir zuerst konsiliar hinzugezogen werden. Dann wird von uns entschieden, ob wir diesem Patienten auf der Akutgeriatrie helfen können oder nicht. Gleiches geschieht bei Patienten vom UKH. Es gibt aber auch direkte Aufnahmen von der Notfall-Ambulanz. Die Zusammenarbeit funktioniert hier auch wirklich sehr gut. Im Gegenteil, wir könnten viel mehr Betten füllen – der Bedarf ist da. Wir sind immer voll ausgelastet, das liegt aber auch an der guten Planbarkeit, da die Patienten länger bei uns bleiben. Für eine Akutaufnahme gibt es nur eine limitierte Bettenanzahl, die zur Verfügung steht.

 

Gibt es Dauerpatienten?

 

Nicht wirklich. Da unser Ziel ist, die Patienten wieder so gut in die Lage zu versetzen, dass der Alltag selbstständig zu bewältigen ist und sie eben nicht mehr zu uns kommen müssen. Natürlich sehen wir ausgewählte Patienten in der Ambulanz wieder, bei denen wir wissen wollen, wie die Therapie funktioniert hat oder wie es ihnen geht. Leider gibt es auch Patienten, die wir nach 2-3 Jahren wieder im Krankenhaus sehen. Wir haben keine strukturierte Ambulanz, in der wir Patienten chronisch führen. Die werden zum Hausarzt geschickt bzw. in das Setting des niedergelassenen Bereichs.

 

Die Therapie kann natürlich ambulant weitergeführt werden, das hängt aber von den Kapazitäten des Instituts für physikalische Medizin ab. Wenn es speziell um Physiotherapie geht, hängt es von der ambulanten Kapazität des Instituts ab. Bei uns im Haus haben wir die Kapazitäten, das kann sich aber jederzeit ändern. Da haben wir keinen Einfluss darauf.

 

Gibt es ein Durchschnittsalter bei den Patienten?

 

Unsere Patienten sind im Durchschnitt zwischen 80-85 Jahre alt. Die richtige Frage wäre: Wer profitiert am meisten? Das sind zum einen gebrechliche Patienten, über 85 Jährige und Patienten über 65 Jahren mit geriatrischen Syndromen, wie Stürzen, chronischen Schmerzen, Parkinson, demenziellen Erkrankungen.

 

Arbeiten Sie mit Seniorenzentren bzw. Altersheimen zusammen?

 

Nein. Da unser Zugang der ist, ein Altersheim zu „verhindern“. Wir nehmen prinzipiell keine Patienten vom Altersheim, was anfangs immer Unzufriedenheit aber auch Widerstände auslöst. Da der Aufwand, der bei uns betrieben wird am einzelnen Patienten mit Physio- und Ergotherapie, den Sinn hat, den Patienten in die Lage zu versetzen wieder selbstständig daheim zurecht zu kommen. Ein Patient im Altersheim ist sowieso rund um die Uhr versorgt. So ein Patient braucht unsere Men- und Womenpower nicht, damit er wieder funktionell besser wird. Wir würden diese Patienten natürlich auch gerne aufnehmen, aber wir müssen einfach selektieren. Wir haben leider nur limitierte Ressourcen, welche wir versuchen in die Patienten zu investieren, die vor allem Zuhause davon profitieren und wieder selbstständig leben können. Letztendlich geht es auch darum, dem Sozialsystem weniger Kosten zu verursachen.

 

Wie kann man der Gebrechlichkeit entgegenwirken? Gibt es Vorbeugemaßnahmen?

 

Am Wichtigsten ist es aktiv zu sein und auch zu bleiben. Da geht viel über die Erhaltung von Körper- und Muskelkraft. Das ist sehr wichtig. Wenn man den Muskelabbau, der ab 50 Jahren bei jedem beginnt, in einem gewissen Ausmaß bremsen kann, dann hat man viel getan. Geistig und sozial aktiv bleiben! Das wirkt sich auf den Körper aus, da gibt es auch viele Studien dazu. Eines der besten Mittel, damit man kognitiv und funktionell fit bleibt, ist Tanzen.

 

Arbeiten Sie gut mit Angehörige zusammen?

 

Das ist das Um und Auf und auch ein Privileg, da wir mehr Zeit für den einzelnen Patienten haben. Wir haben nicht nur die Zeit, sondern finden sie und da ist es auch unabdingbar, dass man mit den Angehörigen spricht und diese auch mit an Bord hat. So findet man auch besser und schneller ein gutes Konzept für die Zeit nach dem Krankenhaus. Die Angehörigen suchen aber auch aktiv das Gespräch und die Unterstützung von unserer Seite mit Fragen, wie: Einschätzung des Patienten? Wie wird oder kann es weitergehen? Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil.

 

Zum Schluss eine persönliche Frage: Warum oder ab wann haben Sie sich für die Akutgeriatrie entschieden?

 

Seit 2009. Da ist die Abteilung bei uns im Haus neu gegründet worden. Mit einem neuen Chef, dem OA Dr. Koller. Da gab es eine positive und gute Stimmung bzw. Entwicklung und da habe ich für mich ein gutes Tätigkeitsfeld gesehen. Es handelt sich um etwas breit Internistisches, ist sehr interessant und zukunftsträchtig.

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