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Jugendliche und Pornographie

Jugendliche und Pornographie

Jugendliche und Pornographie
 

Wolfgang Kostenwein, Österreichisches Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapien
Gesundheitspsychologe und Klinischer Sexologe Sexocorporel

Nicht immer kann Österreich im internationalen Vergleich mithalten. Anders ist es beim Pornographiekonsum. Österreich liefert in Bezug auf die Nutzung von Pornographie im Internet Spitzenwerte. Während weltweit in der Häufigkeit der Aufrufe die erste Pornoseite auf Rang 56 aufscheint, sind die Österreicher bereits an 23. Stelle mit dabei und haben bereits drei Pornowebseiten hinter sich, wenn der Rest der Welt erst einsteigt. 


Pornographie ist demzufolge ein nicht mehr wegzudenkender Faktor individueller Sexualität. Insbesondere in Bezug auf den Pornokonsum Jugendlicher werden immer häufiger Bedenken geäußert. Der massive Konsum von Pornographie könnte zu einer Verrohung und einer Beeinträchtigung junger Menschen in ihrem sexuellen Handeln führen. Fachlich fundierte Antworten auf diese Befürchtungen finden sich selten. Jugendlichen den Zugang zu Pornographie zu erschweren erweist sich als ein nicht durchführbares Konzept. Zu vielfältig sind die Zugangsmöglichkeiten und die Breite des Angebots. 


Betrachtet man die Wirkungsforschung, lassen sich allerdings kaum eindimensionale Auswirkungen von Pornographiekonsum feststellen. Fundierte Forschung, die der Komplexität des Themas auch nur annähernd gerecht werden kann, fehlt größtenteils. Befragungen zeigen allerdings, dass Jugendliche dazu neigen, Pornographie als Informationsquelle für die eigene Sexualität zu verwenden.

Die häufige Nutzung von Pornographie als Informationsquelle, die letztendlich auf allen Ebenen (Körper, Beziehung, sexuelle Reaktionsmöglichkeiten) falsche Bilder zeigt, hat insbesondere dann Auswirkungen auf die sexuelle Entwicklung, wenn parallel dazu wenig andere Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit diesem Themengebiet bestehen. Je weniger Kompetenzen auf körperlicher, emotionaler und sozialer Ebene im Laufe der bisherigen Entwicklung gesammelt werden konnten, desto eher werden sich Jugendliche auf die am leichtesten erreichbaren Informationsquellen verlassen. Wenn Körperbezug und Wahrnehmungsfähigkeit in der Entwicklung von Menschen Beachtung findet, dann ist auch Lustwahrnehmung möglich. Lustwahrnehmung ist die Voraussetzung für sexuelles Handeln. Erst eine verminderte Lustwahrnehmung lässt äußere (Vor-)bilder der Pornographie übermächtig werden.
Solange Erwachsene nicht bereit sind, mit Jugendlichen darüber zu sprechen, was diese tatsächlich interessiert und stattdessen stellvertretende Themen wie sexuell übertragbare Krankheiten oder Verhütung anbieten, werden Jugendliche sich ihre Informationen dort holen, wo sie leicht zugänglich, kostenlos verfügbar, benutzungsfreundlich aufbereitet und lustvoll eingebettet sind. 
Die Lebenskontexte von Jugendlichen ernst zu nehmen und in die sexualpädagogische Arbeit einzubeziehen sind ebenso wie eine umfassende Kenntnis sexueller Kompetenzen und deren Förderungsmöglichkeiten zentrale Aspekte im Rahmen einer in diesem Sinne neu zu formulierenden Sexualpädagogik. 

http://www.sexualmedizin.or.at/

 

Der Vortrag "Jugendliche Pornographie" von Mag. Wolfgang Kostenwein wird im Rahmen des 3- tägigen Symposiums " Sexualmedizin Interdisziplinär " am Samstag den 3.12.2016 im AKH Wien, Ebene 7, Hörsaalzentrum , Währinger Gürtel  18-20, 1090 Wien um 10:40 staffinden. 

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