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Impfen als gesellschaftliche Verpflichtung

Impfen als gesellschaftliche Verpflichtung

"Gesundheitspersonal besonders gefordert" - Statement Univ. Prof. Dr. Ursula Köller, MPH (Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Impfen“ der Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes) bei der Pressekonferenz "Lebenslanges Impfen - Was bringt das?" (08.02.2017, Wien)


Impfungen hatten weltweit neben Hygienemaßnahmen den größten Einfluss auf den Rückgang der Sterblichkeit und die Verbesserung der Lebensqualität. Es geht dabei nicht nur um den eigenen individuellen Schutz, sondern auch um jenen der Gemeinschaft. Durch die sogenannte „Herdenimmunität“ können Individuen geschützt werden, die nicht geimpft werden können. Lassen sich ausreichend viele Menschen impfen, können manche Krankheiten sogar ausgerottet werden. Unbedingt geimpft werden sollten Kinder, immunsupprimierte Patienten und das Gesundheitspersonal. 
  
Herdenimmunität schützt Babys

Impfungen zählen -  besonders im Kindesalter – zu den effektivsten Public Health Maßnahmen. Besonders jene gegen Pocken, Poliomyelitis, Masern, Diphterie und Tetanus waren weltweit enorm erfolgreich. Leider gibt es immer noch Fälle von Masern in Europa, auch in Österreich. 20 Prozent aller Masernkranken erleiden schwere Nebenwirkungen und Spätfolgen. Dennoch ist die Impfskepsis auch dieser Impfung gegenüber verbreitet. Gründe dafür sind, dass sowohl die Bevölkerung, als auch die behandelnden Ärzte die Krankheit kaum noch sehen und sie daher für harmlos halten. Kinder unter einem Jahr können nicht geimpft werden, sind aber in Gefahr, besonders schwere Komplikationen zu erleiden. Um sie zu schützen, ist es notwendig und auch eine gesellschaftliche Verpflichtung eine Herdenimmunität zu erzeugen und zu erhalten. 

Beispiel USA: Kein Schulbesuch ohne Impfung

Medienberichte über kolportierte Nebenwirkungen und Mißinterpretationen von zufälligen Koinzidenzen (gleichzeitiges Auftreten von Ereignissen, also zum Beispiel Impfung und Auftreten einer Krankheit) tragen zur Impfskepsis bei. Ebenso die falsche Annahme, dass durchlebte Kinderkrankheiten sich positiv auf das Immunsystem auswirken würden. Eltern müssen ihr Einverständnis für die Impfung ihrer Kinder geben, es gibt jedoch keine Verpflichtung, Kindergarten- oder Schulkinder vollständig durchzuimpfen. Anders ist das in den USA. Dort ist es fast unmöglich, in einer Institution aufgenommen zu werden, ohne die entsprechenden Impfungen belegen zu können. Dem gegenüber steht das gute und kostenlose Kinderimpfprogramm in Österreich. Schulärzte wären die richtigen Ansprechpartner dafür. Was fehlt, sind klare Empfehlungen für die Umsetzung. 

Impfstatus vor immunmodulierender Therapie überprüfen

Immer mehr Patienten in Österreich erhalten eine immunsuppressive oder immunmodulierende Therapie. Diese Personen haben ein größeres Infektionsrisiko. So haben beispielsweise Rheuma-Patienten unter anti-TNF-α-Therapie im Vergleich zur gesunden Normalbevölkerung ein erhöhtes Risiko an Herpes Zoster zu erkranken. Daher sollten alle notwendigen Impfungen vor einer solchen Therapie erfolgen beziehungsweise der Impfstatus überprüft werden. Ähnliches gilt für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, hämatoonkologischen Erkrankungen oder transplantierte Personen. Eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen ist außerdem eine konsequente Immunisierung des Umfeldes.

Gesundheitspersonal nicht ausreichend geimpft

Dem Gesundheitspersonal (Health Care Workers) kommt hinsichtlich Impfungen eine besondere Verantwortung zu. Diese Personen haben aufgrund ihrer Tätigkeit ein höheres Risiko, Infektionen zu bekommen beziehungsweise ihre Patienten anzustecken. Übertragung von Infektionen durch Krankenhauspersonal sind für Influenza, Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (Windpocken), Pertussis (Keuchhusten), Hepatitis A, Hepatitis B sowie Meningokokken bekannt. Eine Studie aus Frankreich zeigt, dass eine Influenza-Impfung des Pflegepersonals in Spitälern und Seniorenheimen die Sterberate der Senioren um etwa 20 Prozent reduziert und die Krankenstände beim Personal um 42 Prozent senkt. Daten belegen auch, dass 23 Prozent des Gesundheitspersonals in einer milden Influenza-Saison Antikörper gegen den Erreger produzieren. Etwa ein Drittel von ihnen entwickelt allerdings keine Symptome. Für die Übertragung des Erregers spielen sie also eine sehr wichtige Rolle. 

Health Care Workers sollten jedenfalls bereits zum Einstellungszeitpunkt einen entsprechenden Immunitätslevel haben. Die Realität sieht allerdings anders aus: Die Durchimpfungsraten des Gesundheitspersonals in Österreich – besonders im Krankenhaus - sind sehr niedrig. Aus internationalen Befragungen zur Influenza-Impfung weiß man, dass besonders das Pflegepersonal und Menschen in therapeutischen Berufen Durchimpfungsraten von weniger als einem Drittel aufweisen. Die Gründe für die Nicht-Impfung sind ähnlich wie bei der Normalbevölkerung: Angst vor Nebenwirkungen, die Befürchtung durch die Impfung erst recht krank zu werden und der Glaube daran, dass man selbst nicht erkrankt. Bei Ärzten dominieren hingegen organisatorische Gründe, Vergessen und Zeitmangel als Erklärung dafür, nicht geimpft zu sein. Um diesen Mißstand zu beheben, gibt es seit 2012 von einem Expertengremium herausgegebene Impfempfehlungen des Gesundheitsministeriums für das Gesundheitspersonal. Die Umsetzung wird jedoch von den einzelnen Trägern unterschiedlich gehandhabt. Bei besonders vulnerablen Patientengruppen (etwa bei stark immunsupprimierten Patienten oder in der Neonatologie) gibt es sogar eine (juristische) Verpflichtung, nur geimpftes Personal einzusetzen. 

Neben dem Gesundheitspersonal wird im österreichischen Impfplan auch Mitarbeitern von Gemeinschaftseinrichtungen wie Lehrern oder Kindergartenpädagogen eine Impfung gegen vermeidbare Erkrankungen empfohlen, um die Ausbreitung von Infektionen zu vermindern.

Öffentliches Interesse

Neben dem Abwenden von Schaden von der Bevölkerung geht es beim Impfen auch um die Verminderung der Krankheitslast für die Öffentlichkeit. Wenn im Zuge einer Epidemie viele Menschen gleichzeitig erkranken, wird die medizinische Versorgung aller gefährdet. Jüngstes Bespiel ist die hohe Anzahl an Influenza-Erkrankungen dieses Jahr, die unter anderem dazu geführt hat, dass Patienten in Gangbetten untergebracht werden mussten oder sich sogar angesteckt haben. Solche Szenarien können nur durch hohe Durchimpfungsraten vermieden werden.

Verbesserungsmaßnahmen

Neben den Strukturen und Trägern des kostenlosen Impfkonzeptes (Kinderärzte, Amtsärzte, Schulärzte, praktische Ärzte) fehlt derzeit ein großflächiger, niederschwelliger Zugang über das Kinderimpfkonzept hinaus. Der regelmäßige Impfstatuscheck als Teil der Gesundenuntersuchung oder ein elektronischer Impfpass auf der Sozialversicherungskarte wären sinnvolle Maßnahmen.

Die Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes empfiehlt außerdem neben verschiedenen Dokumentationsmaßnahmen:

•    eine transparente und effektive Information von Eltern über die Bedingungen des Zugangs zum kostenlosen Kinderimpfkonzept;
•    eine verstärkte Verankerung von Informationen und wissenschaftlichen Grundlagen zu Impfungen in den Ausbildungscurricula aller Gesundheitsberufe;
•    das Einfordern eines ausreichenden Impfschutzes anlässlich der Aufnahme von Kindern in öffentliche Schulen, Bildungseinrichtungen und Kinderbetreuungseinrichtungen;
•    eine verlässliche gesetzliche Grundlage für Schulimpfprogramme und ihre Durchführung;
•    Das Einfordern eines verpflichtenden Impfschutzes für Menschen, die mit vulnerablen Personengruppen befasst sind z.B. durch die Krankenhaus-Träger.

Quelle: fine facts-Pressemappe (Statement Univ. Prof. Dr. Ursula Köller); Titelbild: Credit: Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller/ © APA-Fotoservice/Hörmandinger; redaktionelle Bearbeitung: Simona Ganeva;

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