Die Welt der Jugendlichen - Teil 1
Die Welt der Jugendlichen - Teil 1
Die Welt der Jugendlichen - Teil 1
03.04.17
Dr. Michaela Christine Mayer, МА
Dr. Michaela Christine Mayer, МА
Gesundheitsexpertin
Die Welt der Jugendlichen - Teil 1

Die Welt der Jugendlichen - Teil 1

Dr. Michalea Christine Mayer versucht in einem spannenden und intensiven Interview, die Beweggründe Jugendlicher, die Selbstmord begehen wollen, zu verdeutlichen. In Ihrer langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeutin und Pädagogin hat Sie viel Erfahrung sammeln können.

Es gibt junge Menschen mit einer sehr unsicheren, vermeidenden Bindungsstruktur. Das sind Jugendliche, die wenig verlässliche Bindung, Vertrauen und Raum für eigene Gefühle erfahren haben. Wenn so eine unsichere Persönlichkeit in Situationen gerät, in denen zwar sehr viel gefordert, aber wenig von den Bedürfnissen des Betroffenen wahrgenommen wird, können sich im Inneren ganz spezifische Gefühle und Gedanken entwickeln:

„niemand braucht mich“;

„es ist eh egal, ob ich da bin oder ob es mich überhaupt gibt“

„das Leben ist eine Qual, eigentlich will mich eh keiner haben“

„ich bin nicht gut genug“

„ich bin es nicht wert, dass ich da bin“

„ich bin nicht liebenswert“

Das ist eine ganz internalisierte Welt- und Selbstsicht. Da sind oft Menschen, die sehr ruhig, angepasst und zurückgezogen sind. Man nennt das auch „internalisierendes Symptomverhalten“. Diese Jugendlichen nehmen wenig Anteil an ihrer Umgebung und suchen wenig sozialen Kontakt. Sie reagieren im Gegenteil eher phobisch auf soziale Bindungen und können sich nur sehr schwer auf Andere einlassen. Mit dieser Bindungsangst entwickelt sich auch eine Verlustangst. Denn es könnte sein, dass dieser lieb gewordene Mensch plötzlich wieder weg ist und um sich vor diesem Schmerz zu schützen, geht man dieser Bindung von Anfang an aus dem Weg. Meistens sind das sehr unbewusste Prozesse.

Dies ist also ein Selbstschutz. Der Jugendliche versucht sich sozusagen vor Bindungen zu schützen, obwohl genau diese Bindungen das Essentiellste davon sind, von dem wir Menschen leben. Das macht eigentlich unsere Basis aus, das macht uns selbst aus. Wir definieren uns ganz stark über das Bewusstsein der Anderen. Das heißt, Menschen die sehr in diesem isolierten Dasein sind, tragen eine sehr tiefe und schwere Bürde in ihrem Inneren. Mitunter sind sie auch für ihre Umwelt sehr unproblematisch und sehr unauffällig. Diese Menschen spielen sich auch beinahe erlösend, erleichternd im Inneren mit dem Gedanken, dass der Suizid die letzte Option ist, die sie selber haben und die ihnen niemand wegnehmen kann. Manche idealisieren diesen Gedanken um diese „Erdenqual“ zu erlösen und endlich Frieden und Ruhe zu haben.

Solche Menschen leben fast in einer dissoziierten Parallelwelt – ganz in ihrer eigenen Welt, in der sie sich auch immer mehr der realen Welt entheben und sich innerlich immer mehr zurückziehen. Durch dieses Zurückziehen, werden die Anforderungen der äußerlichen Welt natürlich auch immer heftiger, schwieriger und belastender. Und immer mehr wächst die innere Sehnsucht, dass das alles endlich vorbei ist. In dem Moment, in dem jemand so in sich retardiert ist und in sich hineinfällt, ist es für Eltern, Lehrer, Betreuer, Sozialpädagogen, Sozialbetreuer etc. die große Herausforderung, an den Jugendlichen heranzutreten und zu fragen, was los ist. Es ist sehr wichtig, dran zu bleiben, denn die meisten werden zuerst sagen, dass alles in Ordnung ist.

Dr. Mayer beschreibt den zweiten, ganz anderen Typus als jemand, der sich mit einer „antisozialen Mission suizidiert“. Soll heißen, dass durch die Androhung des Suizids, jemand anderer verletzt wird. Sie gibt ein Beispiel:

Ein Mädchen, 14 Jahre, sagt zu Ihrer Mama: „Mama ich bring mich um – und zwar nur wegen dir! Wenn du mir das Handy nicht kaufst (oder etwas Bestimmtes nicht machst oder wenn du jetzt ad hoc nicht kommst, weil ich dich jetzt sofort brauche), dann bring ich mich um!“.

Hier wird sofort spürbar, dass der Suizid eine ganz andere Funktionalität hat. Da geht es um eine ganz andere Skizzierung als in dem vorher zitierten Bild. Hier ist ganz viel Aggression dabei. Oft sind das Menschen, die ihrer Bindungsperson (Mama, Papa etc.) klarmachen, dass sie das absolut Wichtigste sind und wenn sie etwas Bestimmtes von dieser Bindungsperson nicht haben können, sind sie zutiefst enttäuscht. Hier existiert nur schwarz-weiß, völlig ambivalent.

Das ist auch eine Form des Bindungsverhaltens und hat ebenfalls damit zu tun, wie das Kind in seinem psychosozialen Milieu aufgewachsen ist. Solche Jugendliche sind im Inneren zutiefst überfordert, wenn etwas nicht so läuft, wie erwartet oder wenn die Welt gar etwas entgegenstellt. In diesen Momenten braucht es viele intrapsychische Ressourcen. Hier geht es um Frustrationstoleranz und Selbstwertregulierung. Der Jugendliche muss erkennen, dass nur, weil etwas nicht funktioniert, er nicht Nichts ist. Er kann weiter existieren, auch wenn etwas nicht geht. Er muss also innerlich diese Affektregulation bewältigen können. Jugendliche müssen mit solchen Situationen so umgehen lernen, dass sie die Ich-Fähigkeit und die eigene Denkfähigkeit nicht verlieren. Das Ziel ist zu erkennen, dass es nicht so schlimm ist, wenn einmal etwas nicht gleich funktioniert.

Diese Selbstberuhigungsstrategie, fehlt diesen Jugendlichen. Jede Grenze oder Konfrontation wird für diese Menschen zur Herausforderung. Für solche Personen kann es zutiefst bedrohlich sein, wenn sich die Welt nicht so formen lässt, wie es jetzt gerade am besten wäre, um nicht selbst total aus der Form zu kommen. Und dann kommt es zu dem Punkt, wie oben beschrieben. Das ist also auch eine Form der tiefen Verzweiflung, allerdings mit ganz viel Aggression. Das ist sehr schwer für die Betroffenen. Die große Herausforderung ist aber, mit demjenigen zu lernen: man kann so was überleben; man kann Fähigkeiten erlernen, um die Frustration auszuhalten. Diesen Jugendlichen muss man zeigen, dass sie aus Situationen, die sie selbst verursacht haben, auch selbst wieder rauskommen und dass sie keineswegs immer die Mama/Papa dazu brauchen.

Bei diesen Menschen ist immer gut abzuwägen. Wird die Aggression so stark, dass sich jemand wirklich etwas antun würde, muss man (psychiatrisch) intervenieren. Jedoch ist es eine ganz andere Intervention als beispielsweise beim ersten genannten Typus. Bei ihm sollte man auf Selbstwirksamkeit hinarbeiten. Beim zweiten Typus allerdings sollte man die Oberhand übernehmen und sagen: wenn du dich jetzt selber nicht spürst, dann bin es ich, die die Situation spürt.

 

Quelle:

Interview mit Dr. Michaela Christine Mayer

Redaktion: SN

Kommentare