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Der Suizid als einzige Lösung

Der Suizid als einzige Lösung

Ob es bei Jugendlichen häufiger zu Suizidgedanken kommt, als bei Erwachsenen, ist schwer zu sagen: Die Pubertät an sich ist eine besondere Phase. Im weiteren Sinne, ähnlich wie bei der Frau das Klimakterium. Das sind so besondere Lebensphasen-Übergänge. Erik Erikson hat das in seiner Entwicklungspsychologie „Epigenetisches Modell“ beschrieben. In solchen bestimmten Übergangsphasen eröffnen sich ganz spezifisch diese Identitätsfragen.

 

Der Selbstmord ist eine Option, die als eine Art Lösung zur Verfügung steht. Ganz egal, wofür diese Lösung steht oder worin auch immer das Problem besteht. Viele Gedanken und Fragen gilt es zu klären:

„Wer bin ich?“

„Wer will ich werden?“

„Was mache ich da überhaupt?“

„Was hat in meinem Leben überhaupt Sinn?“

„Hab ich spezifisch hier überhaupt einen Sinn als junger Mensch auf dieser Welt?“

„Will ich hier überhaupt etwas tun?“

„Will ich überhaupt Teil dieses Lebens sein?“

„Wie komme ich zu recht mit meiner geschlechtsspezifischen Identität?“

„Wie komme ich zu recht mit all diesen tradierten internalisierten Mustern, die ich hier mitbekomme?“

 

Dazu kommt noch das eigene Elternhaus, das natürlich die Identität geprägt hat, von dem sich der Jugendliche nun aber abgrenzen muss. Man nennt dies das „minimal kohärente ICH“. Diese Abgrenzung kann nur dann gelingen, wenn bereits ein Selbstbewusstsein vorhanden ist. Ist sich der Jugendliche im Unklaren, wer er selbst eigentlich ist, dann wird er sich sehr schwer tun, was er eigentlich wovon abgrenzen soll. Haben kleine junge Menschen im Laufe ihrer psychosozialen Entwicklung wenig an Ressourcen, Material und Elemente, vorwiegend von den Eltern, aber auch von der Umgebung, mitgekriegt um sich selbst zu positionieren, ist diese Übergangsphase in der Pubertät eine echte Herausforderung. Daher ist in dieser Phase des Lebens Suizid auch immer eine Art Lösung.

 

Frau Dr. Mayer verwendet den Begriff Suizid ganz bewusst positiv. Hat ein Jugendlicher die tiefe Absicht und trägt es bereits als fixierten Impuls in sich, kann es passieren, dass er es auch umsetzt. Und in der Arbeit mit Jugendlichen, auch in Helfernetzwerksystemen, muss man dieses Wissen aushalten können. Das heißt, es erfordert auch von den helfenden Personen die Achtung und den entsprechenden Respekt dieses Weges. Denn alleine an diese Option auch nur zu denken, ist ein Ausdruck großer Not. Das Ausreden davon, kann mitunter genau das Gegenteil bewirken, nämlich, dass derjenige das dann erst recht forciert.  

 

Die Frage der Ursachen und Hintergründe ist schwierig und spannend. Es gibt unterschiedliche biographische Identitäten von Menschen, die diesen Schritt in Erwägung ziehen.

In den nächsten beiden Artikeln geht Dr. Mayer näher auf die unterschiedlichen Typen dieser Jugendlichen ein. Lesen Sie hier weiter:

Die Welt der Jugendlichen - Teil 1

Die Welt der Jugendlichen - Teil 2

 

Quelle:

Interview mit Dr. Michaela Christine Mayer

Redaktion: SN

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