Artikel

COVID-19: Prophylaxe, stationäre Therapie & Spätfolgen

COVID-19: Prophylaxe, stationäre Therapie & Spätfolgen


Privatdozent Dr. Arschang Valipour ist nicht nur Primarius der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf, sondern auch Mitbegründer des Karl-Landsteiner-Instituts für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie in Wien.

Dr. Valipour ist ausgebildeter Internist, Pneumologe, sowie auch Intensivmediziner. Er beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Präventivmaßnahmen und der Behandlung von COVID-19-PatientInnen, sowie auch mit COVID-19-Langzeitschäden und ist hierbei selbst aktiv an diversen Studien beteiligt.

 

 

CredoWeb: Welche Präventivmaßnahmen machen Sinn, um einer potenziellen COVID-19-Infektion zu entgehen?

 

 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour: Essenziell sind nach wie vor die bereits bekannten Schutzmaßnahmen, die man nicht oft genug wiederholen kann:


 

  • Abstand halten

  • korrektes Tragen der Atemschutzmaske, vorzugsweise FFP2

 

  • häufige Händedesinfektion

 

Als Schutzmaßnahme bei chronischen Erkrankungen wie zB bei einer zugrunde liegenden COPD, Diabetes und/oder Hypertonie, gilt es, die Grunderkrankung so gut wie möglich zu behandeln.

 

Wenn die Vorerkrankung(en) gut therapiert sind, hat man im Falle einer Infektion mit schweren Verlauf mehr Reservekapazitäten zB pulmonale Kapazität.

 

Des Weiteren wird an verschiedensten Fronten an klinischen Studien gearbeitet, wobei man auf lokaler Ebene den Viruseintritt in die oberen Schleimhäute und theoretisch auch der unteren Atemwege, versucht zu blockieren.

 

Hierzu gibt es verschiedenste Ansätze.

Einer davon wird derzeit anhand einer klinischen Studie mit einem Carragelose-Nasenspray, die bei uns und in der Klinik Favoriten durchgeführt wird, untersucht. Carragelose ist ein Wirkstoff, welcher aus Rotalgen gewonnen wird.

Dieser Wirkstoff bildet eine Art Biofilm an der Oberfläche der Schleimhaut, welcher den Viruseintritt in die Schleimhäute verhindern soll.

 

Hier existieren bereits Daten für andere Virusinfektionen aus der Vergangenheit, welche eine solche Wirksamkeit dokumentieren.

 

Was nicht funktioniert hat, sind prophylaktische Tabletteneinnahmen bestimmter Medikamente, welche verhindern sollten, an einer COVID-19-Infektion zu erkranken.

 

Expräsident Donald Trump hat angeblich Hydroxychloroquin zur Vorbeugung eingenommen, nur um ein Beispiel zu nennen. Die Wirksamkeit hat sich allerdings nicht bewahrheitet und wurde durch entsprechende Studien widerlegt.


 

CredoWeb: Welche Risikofaktoren spielen bei Infizierten bezüglich eines schweren Krankheitsverlaufs bzw. der Morbidität eine Rolle?



 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour:

 

 

Die wesentlichsten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sind:

 

  1. Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  2. Chronische Lungenerkrankungen
  3. Stoffwechselerkrankungen

 

Diese Risikofaktoren betreffen hauptsächlich älteres Patientengut.

 

Bei jüngeren PatientInnen gilt Adipositas (= Fettleibigkeit) als ernstzunehmender Risikofaktor!

 



CredoWeb: Welche Laborwerte können bei COVID-19-PatientInnen Aufschluss für den weiteren Verlauf der Erkrankung geben?



 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour: Die klassischen Laborparameter, die den Schweregrad der Erkrankung anzeigen, sind einerseits

 

 

  • das Ausmaß der Lymphopenie (= Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen im Blut),
  • die Erhöhung der D-Dimere (= Spaltprodukte des Fibrins; wird bestimmt, um einen Verschluss einer Vene oder Arterie durch ein Blutgerinnsel auszuschließen),
  • die Erhöhung der Herzfermente Troponin-T und TNT (bei Verdacht auf einen Herzmuskelschaden),

 

 

aber genauso andere Marker, wie

 

 

  • die Anzahl der Thrombozyten (= Blutblättchen; fester Bestandteil unseres Blutes),
  • Ferritin (= Eiweißstoff zur Speicherung von Eisen im Körper),
  • LDH (= Lactatdehydrogenase; erhöhte LDH-Werte im Blutserum, deuten darauf hin, dass irgendwo im Körper Zellen oder Organe geschädigt werden) und
  • Interleukin 6 (= Entzündungs- und Sepsis-Parameter).

 

Das sind alles Parameter, die mittlerweile gut bewiesen sind.

 

Hinzu kommt natürlich auch das CRP (= C-reaktives Protein; zeigt Entzündungen im Körper an).

 

Vor allem der CRP-Anstieg in den ersten 48 Stunden ist ein guter Marker für den Verlauf der Erkrankung.

 

 

Das ist ein einfacherer und häufiger gemessener Parameter, welchen man auch im klinischen Alltag sehr gut anwenden kann.


 

CredoWeb: Welche Atemhilfen und nicht-invasive Beatmungstools gibt es derzeit und was sind jeweils die Vor- und Nachteile?



 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour: PatientInnen, die sich im stationären Bereich aufgrund einer COVID-19-Pneumonie befinden, wird, bei einem nachgewiesenen Sauerstoffmangel (= Hypoxämie), zunächst über eine herkömmliche Nasenbrille oder über eine Sauerstoffmaske, Sauerstoff verabreicht.

 

 

Das macht man bis zu einer Grenze von 6-8 Liter Sauerstoffzufuhr pro Minute. Sollte der Patient trotz dieser Sauerstoffzufuhr über die konventionelle Methode nicht ausreichend Sauerstoff aufnehmen, bedarf es gegebenenfalls einer sogenannten nasalen High-Flow-Atemhilfe. Hierbei hat man eine etwas dickere Kanüle, wodurch über die Nase, vorzugsweise mit einem relativ hohen Atemfluss, die eigene Einatmung mit zusätzlichem Sauerstoff verstärkt angereichert wird und zudem Kohlendioxid ausgewaschen wird.


 

Die Sauerstoffzufuhr über die Nasenbrille bzw. über die Sauerstoffmaske und die nasale High-Flow-Atemhilfe kann auf der normalen Bettenstation durchgeführt werden.

 

Wenn Patienten trotz dieser Maßnahmen weiterhin hypoxämisch (= Sauerstoffmangel) sind, (das überprüft man jeweils nach 1-2 h Anwendung), dann wäre der Bedarf einer sogenannten nicht-invasiven Beatmung notwendig.

 

Hier gibt es verschiedene Abstufungen, welche von der reinen CPAP-Therapie, vorzugsweise über eine engmaschige Ganzgesichtsmaske (Full-Face-Mask), alternativ über einen durchsichtigen Kunststoffhelm, bis hin zur Durchführung einer nicht-invasiven Beatmung reichen.

 

Die nicht-invasive Beatmung unterscheidet sich von den Atemhilfen, als das hier der Patient schon proaktiv bei der Einatmung eine Atemhub-Unterstützung bekommt. Die Atemluft wird also nicht nur mit Sauerstoff angereichert, sondern die Atmung an sich wird verstärkt. Das ist etwas, was man bereits auf einer Intensiveinheit oder Überwachungseinheit durchführen muss, weil es methodisch, technisch und auch vom Monitoring her, aufwändiger ist.

 

Sollte selbst diese sogenannte nicht-invasive Beatmung nicht ausreichen, dann bestünde die Indikation zur künstlichen Beatmung, was die letzte Stufe des Supports darstellt.

 

 

Hierbei wird der Patient in den künstlichen Tiefschlaf versetzt. Bei der klassischen künstlichen Beatmung macht der Patient, vor allem in den Anfangsphasen, nichts selbst. Das übernimmt alles die Beatmungsmaschine. Bei der künstlichen Beatmung wird mit einem Schlauch, der in der Luftröhre zu liegen kommt, sichergestellt, dass der Organismus ausreichend Sauerstoff aufnimmt und Kohlendioxid abgeben kann.

 

 

Wenn die Lunge trotz der Beatmung von außen nicht mehr ausreichend Sauerstoff aufnimmt, kann diese Therapie in einzelnen Fällen noch mit einer extrakorporalen Membranoxygenierung (= ECMO) ersetzt werden. Bei dieser Therapieform wird das Blut von einer Art Herz-Lungen-Maschine außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und dem Körper wieder zugeführt. Das ist eine Methode, die man bei einzelnen Patienten auch noch anwenden kann, wenn selbst diese letzte Form der Beatmung nicht ausreichen sollte. Das ist jedoch nur selektierten Patienten vorbehalten.

 

Bei der Beatmung gibt es auch unterschiedliche Beatmungsmodi. Bei der assistierten Beatmung ist der Patient noch in der Lage, selbstständig zu atmen. Seine eigene Atmung wird unterstützt und verstärkt.

Bei der kontrollierten Beatmung atmet der Patient nicht mehr spontan von selbst. Hier übernimmt das Beatmungsgerät diese Rolle.

Innerhalb dieser Beatmungsmodi gibt es noch verschiedene Varianten und verschiedene Abstufungen.

 



CredoWeb: Was versteht man unter den neuen Begriffen "Long Covid" und "Post-Covid"?



 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour: Damit bezeichnet man die anhaltenden Organschäden und/oder Beschwerden von betroffenen PatientInnen nach durchgemachter COVID-19-Erkrankung.

 

Es ist tatsächlich so, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl von COVID-19-PatientInnen nach durchgemachter Erkrankung, anhaltend Beschwerden bzw. auch nachweisliche Organschäden haben.

 

Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss auch, dass es vereinzelt PatientInnen gibt, die nachweislich keine Organschäden objektivierbar haben aber sehr wohl subjektiv Beschwerden haben.

 

 

Die häufigsten Beschwerden sind:

 

  • Fatigue (= Ermüdungssyndrom)
  • Leistungsschwäche
  • Konzentrationsstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Kurzatmigkeit & Husten

 

 

Ebenso kann es zu nachgewiesenen Restschäden kommen, die zum Teil eben nur noch Restzustände sind, aber in einzelnen Fällen auch auf bestehende Diagnosen zurückzuführen sind.

Zu diesen zählt zB die Lungenfibrose nach einer schweren Lungenentzündung.

 

Die Long Covid oder Post-Covid-Symptome reichen von Herzproblemen, über Lungenschädigungen bis hin zu neurologischen Beschwerden.

 

TIPP: Hier geht es zum Artikel von Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc über neurologische COVID-19-Komplikationen: Artikel neurologische COVID-19-Komplikationen

 


 

CredoWeb: Wie sieht diesbezüglich Ihre Prognose aus? Was wird in diesem Zusammenhang auf das Gesundheitspersonal zukommen und wie könnte man sich eventuell schon darauf vorbereiten?



 

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour:

 

Die Gesamtprognose der Post-COVID-PatientInnen ist, von dem was wir bisher wissen, in der Regel gut.

 

Die Post-COVID-Symptome können jedoch zwischen 6 und 12 Monate anhalten. Diese Erfahrung haben wir schon gemacht und es gibt bereits erste Daten. Demnach bessern sich die beschriebenen Zustände in der überwiegenden Zahl der Fälle bis zu 6 Monate nach Erkrankung.

 

Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass vermutlich rund 20% der PatientInnen anhaltende Beschwerden haben könnten.

 

Das Bedarf aber noch längere Nachsorgeuntersuchungen, um das wirklich zu bestätigen oder auszuschließen. Die PatientInnen gehören also auf jeden Fall in eine Nachsorge, die man vor allem bei schweren Verläufen durchführen sollte.

 

 

Es gibt bereits verschiedene Überlegungen, vor allem in der Pulmologie und Kardiologie, Spezialambulanzen für Beschwerdeverläufe zu etablieren.

 

Angesichts der hohen Fallzahl ist es auch notwendig, den niedergelassenen Bereich hier zu involvieren. Auch bei niedergelassenen Lungenfachärzten und Internisten können viele Kontrollen von PatientInnen mit moderaten Verläufen durchgeführt werden.

 

Bei PatientInnen mit schweren Verläufen passiert das dann zum Teil sicher schon auf Spezialambulanzen. Wir haben in der Klinik Floridsdorf bereits eine solche Spezialambulanz, aber auch in anderen Häusern sind diese schon zu finden.

 

 

Interview: Christina Neumayer/CredoWeb

Vortrag "Klinische Verlaufsformen & nicht medikamentöse Therapie" beim Giftigen Livestream vom 21.12.2020 zum Thema "Update COVID-19-Therapie" auf https://infektiologie.co.at/

Kommentare