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Lungenkrebs ist eine große Tragödie unseres Jahrhunderts, die aber vermeidbar wäre

Lungenkrebs ist eine große Tragödie unseres Jahrhunderts, die aber vermeidbar wäre

Als Konferenzpräsident freue mich natürlich sehr, dass der 17. Lungenkrebs-Weltkongress (World Conference on Lung Cancer; WCLC) der International Association for the Study of Lung Cancer (IASLC) in diesem Jahr in Wien stattfindet. Vor uns liegen vier spannende und sicher sehr aufschlussreiche Tage, an denen sich renommierte Expertinnen und Experten über die immer subtiler werdende Diagnostik und die aktuellen Fortschritte bei immer treffsichereren Therapien austauschen werden.

Was die Freude trübt, ist, dass Lungenkrebs nach wie vor die häufigste Krebserkrankung darstellt. Das gilt sowohl für die Zahl der Neuerkrankungen als auch für die daraus resultierenden Todesfälle.  Nach der im Vorjahr publizierten GLOBACAN-Studie werden  weltweit jährlich 1,82 Millionen neue Fälle von Lungenkrebs diagnostiziert, das sind 12,9 Prozent aller Krebsfälle. 1,6 Millionen Menschen jährlich sterben daran, das sind nahezu 20 Prozent aller durch Krebs verursachten Todesfälle.

Diese Zahlen publizieren und präsentieren wir leider schon seit Jahren – und manchmal scheint es, als hätten wir uns daran gewöhnt. Verzeihen Sie deshalb den drastischen Vergleich: 1,6 Millionen Todesopfer jedes Jahr bedeutet: Seit Beginn dieses Jahrtausend sind nahezu 26 Millionen Menschen an Lungenkrebs gestorben. Das ist, als wären in den letzten 16 Jahren sämtliche Einwohner der Niederlande und Belgiens zusammengenommen verschwunden.

1,6 Millionen Todesopfer jedes Jahr bedeutet auch: Jeden Tag sterben beinahe 4.400 Menschen an den Folgen von Lungenkrebs. Das ist als würden täglich zehn vollbesetzte Jumbo-Jets vom Himmel fallen. Als Arzt, der täglich mit dieser Form von Leid konfrontiert ist, ist es nur schwer nachzuvollziehen, mit welcher Gelassenheit die Gesellschaft und politischen Repräsentanten diese große Tragödie unseres Jahrhunderts hinzunehmen scheinen.

Tabakkontrolle: Großteil aller Lungenkrebsfälle wäre vermeidbar

Dabei wäre die Mehrzahl aller Fälle von Lungenkrebs vermeidbar. Natürlich freuen wir uns als Mediziner über die verbesserten Therapiemöglichkeiten. Allerdings müssen die Fortschritte, die wir damit erzielen, in ein Verhältnis zu den potenziellen enormen Effekten, die durch eine strikte Anti-Tabak-Politik erreichbar wären, setzen. In Zentraleuropa allein betreffen 85 Prozent aller Lungenkrebs-Erkrankungen Raucher oder ehemalige Raucher.

Inzwischen besteht auch kein Zweifel mehr daran, dass auch viele Passivraucher dieses Schicksal teilen: Weltweit sterben jährlich 600.000 Menschen durch das unfreiwillige Mitrauchen. Leider gibt es dabei, wie ein US Surgeon General Report bereits 2006 aufzeigte, keine „Harmlosigkeitsgrenze“. Wer Zigarettenrauch ausgesetzt ist, hat im Vergleich zu Nichtrauchern ein um 20 Prozent erhöhtes Lungenkrebsrisiko.

Wir werden auf dem Weltkongress anhand erfolgreicher internationaler Beispiele aufzeigen, welche positiven Auswirkungen eine ernstgemeinte Tabak-Kontrolle haben kann. Ich freue mich besonders auf den Vortrag des Präsidenten von Uruguay, Dr. Tabaré Vázquez. Das für sein besonders strenges Tabakgesetz bekannte Land hat erst im Sommer einen von Philip Morris angestrengten Prozess vor einem internationalen Schiedsgericht gewonnen: Die Forderung des Tabakmultis nach Schadenersatz wurde zurückgewiesen.

Österreich: Anzahl der Lungenkrebsfälle bei Frauen verdoppelt

Wie eine auf dem WCLC 2016 präsentierte systematische Analyse von 17 Publikationen zeigt, sind Frauen durch die verschiedenen Karzinogene im Tabak sogar noch stärker gefährdet als Männer – was sich auch daran zeigt, dass sie zum Zeitpunkt der Diagnose im Schnitt jünger sind als Männer. Dass sie dadurch auch etwas besser Überlebenschancen haben, ist in dem Fall wirklich kein Trost.

Die enge Korrelation zwischen Raucherquote und Lungenkrebs-Fallzahlen lässt sich leider auch an den österreichischen Gesundheitsdaten ablesen.  Laut Statistik Austria rauchen 1,8 Millionen der über 15jährigen in Österreich täglich - das sind 24,3 Prozent der Bevölkerung. Bei Männern sind es 27, bei Frauen 22 Prozent.

Damit haben wir nicht nur doppelt so viele Raucherinnen wie in den 1970er Jahren, sondern auch nahezu doppelt so viele Lungenkrebspatientinnen wie vor 20 Jahren.  Heute erkranken in Österreich jährlich rund 1.600 Frauen und 2.700 Männer an Lungenkrebs. Laut einer von Statistik Austria im Auftrag des Bundesministeriums fu?r Gesundheit erstellten Krebsprognose ist bis zum Jahr 2030 mit einer weiteren Verdoppelung zu rechnen. Damit wäre 2030 die Anzahl der jährlich neu an Lungenkrebs erkrankten Frauen sogar höher als jene der Männer.

Österreich bei Lungenkrebs-Prävention weit abgeschlagen

Wenn Raucherinnen und Raucher hierzulande über zunehmende „Bevormundung“ und „Restriktionen“ klagen, mag das subjektiv so empfunden werden. Global betrachtet bleibt Österreich aber leider ein „Raucherparadies“. Wie die 2013 von den führenden Krebsligen erstellte europäische Tabak-Kontrollskala 4] zeigt, rangieren wir was den Tabakpreis, die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Zigaretten, Raucherschutz am Arbeitsplatz, Hilfen zur Entwöhnung, Informationskampagnen und nicht zuletzt Werbeverbote für Tabakprodukte angeht, an 34. und damit letzter Stelle im gesamteuropäischen Vergleich. Von 100 möglichen Punkten erreichen wir gerade einmal 31. Zum Vergleich: Großbritannien führt die Wertung mit 74 Zählern an.

Während die Tabakkontrolle in Österreich also weiter bestenfalls halbherzig umgesetzt wird, sprechen andere Länder bereits von der „tabakfreien Gesellschaft“. So hat sich etwa Irland – wie auch Neuseeland – das erklärte Ziel gesetzt, bis 2025 rauchfrei zu werden, Schottland will das bis 2034 erreichen und Finnland bis 2040.

Die wichtigste Maßnahme: Rauchen muss teuer werden

Was mich daran am meisten stört: Österreich lag auch schon im Jahr 2007 und 2010 am letzten Platz dieses Rankings. Zu Recht kritisieren die Autoren der Studie, dass es seither wenig Anzeichen einer Verbesserung gegeben hätte. Das ist völlig unverständlich. Schließlich gibt es keine andere Krankheit, die sich durch einfache gesetzliche Rahmenbedingungen so dramatisch eindämmen ließe.

So wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, dass etwa der Zigarettenpreis eines der wichtigsten Elemente in der Prävention ist. Würde man die bestehenden Preise durch die Erhöhung der Tabaksteuern verdoppeln, würde allein dadurch die Zahl der Raucherinnen und Raucher um ein Drittel sinken.

Das Argument, dadurch gingen dem Staat aber wichtige Einnahmen verloren, ist nicht nur zynisch sondern auch falsch, wie jeder leicht nachrechnen kann. Derzeit nehmen Regierungen weltweit rund 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr aus direkten und indirekten Tabaksteuern ein 5]. In Österreich liegt der Steueranteil bei Zigaretten derzeit bei rund 75 Prozent des Ladenpreises. Bei einer Schachtel, die aktuell Euro 4,50 kostet sind das also rund  3,40 Euro für den Finanzminister. Für eine Verdoppelung des Verkaufspreises müsste die Steuer auf 7,90 Euro angehoben werden. Zwei Drittel davon wären dann immer noch 5,25 Euro pro Packung – und damit deutlich mehr als jetzt. Unterm Strich also eine Win-Win-Situation, von der Gesundheit und Staatshaushalt gleichermaßen profitieren.

WCLC: Starke Stimme für mehr Tabakkontrolle

Das zusätzliche Geld ließe sich sinnvoller Weise natürlich in eine Reihe weiterer Vorsorgemaßnahmen investieren. Schließlich hat auch Österreich – gemeinsam mit 172 anderen Ländern, bereits im Jahr 2003 die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle (Framework Convention on Tobacco Control; FCTC) unterzeichnet und sich damit zur Umsetzung von Maßnahmen der Tabakkontrolle und Tabakprävention verpflichtetet. 78 Prozent der unterzeichnenden Staaten haben bereits nationale Koordinationsmechanismen zur Tabakkontrolle implementiert. Österreich hat den Vertrag 2005 zwar ratifiziert, bisher aber kaum etwas davon umgesetzt.

Besonders im Hinblick auf die Gesundheit unserer Jugendlichen fordern wir aus Anlass des WCLC daher ein radikales Umdenken und entschlossenes Handeln. Die Förderung diverser Präventionsmaßnahmen, die Eindämmung des Zigarettenschmuggels sowie ein Verbot von Tabakwerbung und -sponsoring sind – wie internationale Beispiele zeigen – effektive Möglichkeiten, den Tabakkonsum einzuschränken und damit dem Lungenkrebs vorzubeugen.

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