Artikel

Gelenkschmerzen: Weit verbreitet, trotz breiter Therapie-Palette oft unterbehandelt

Gelenkschmerzen: Weit verbreitet, trotz breiter Therapie-Palette oft unterbehandelt

Gelenkschmerzen

 

Gelenkschmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden überhaupt und sind ein führender Grund für Behinderung. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung über 50 Jahren leidet darunter. "Die Österreichische Schmerzgesellschaft unterstützt daher aus gutem Grund die jährliche Aufklärungsoffensive der Welt-Schmerzgesellschaft IASP und der Europäischen Schmerzföderation EFIC, die heuer Gelenkschmerzen in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen", sagt OA Dr. Wolfgang Jaksch, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (Wilhelminenspital, Wien). Im Rahmen der Österreichischen Schmerzwochen sollen Schmerzpatienten aufgeklärt und die breite Öffentlichkeit sensibilisiert werden.

 

Häufige Ursachen und Formen von Gelenkschmerz

 

Wesentliche Gründe für viele Formen von Gelenkschmerzen sind steigende Lebenserwartung, bewegungsarmer Lebensstil, Fehlbelastungen und Übergewicht. Neuerdings ist bekannt, dass zu viel Fettgewebe im Körper nicht nur durch Gewichtsbelastung die Gelenke schädigt – es bildet auch entzündungsfördernde Stoffe, Adipokine, die den Abbau der Knorpelsubstanz beschleunigen. Dies fördert die Entstehung von Arthrosen, genauso wie schlechte Gelenkführung bei Muskelschwäche, hoher Gelenksdruck durch Übergewicht und altersbedingte Verschleißerscheinungen.

 

Inzwischen sind rund 150 verschiedenen Formen von Gelenksschmerzen mit zum Teil unterschiedlichsten Ursachen identifiziert worden. Die mit Abstand häufigste Form von Gelenkserkrankungen ist jedoch die Gelenksarthrose, auf deren Konto 20 Prozent der chronischen Schmerzen weltweit gehen. Charakteristisch sind Anlaufschmerzen und bewegungsabhängige Schmerzen.

 

Eine der häufigsten Ursachen für Gelenkschmerzen mit Gelenkentzündung (Arthritis) infolge einer Systemerkrankung sind rheumatische bzw. rheumatoide Erkrankungen. Die primär chronische Polyarthritis (rheumatoide Arthritis oder Polyarthritis rheumatica) ist eine chronische, entzündliche Erkrankung, die mit zunehmender Gelenkzerstörung einhergeht. Typische Symptome sind zum Beispiel Morgensteifigkeit, Gelenkschwellung sowie die Tendenz zur Bewegungseinschränkung bis zur vollständigen Gelenksteife. Auch Stoffwechselerkrankungen können Gelenkschmerzen verursachen. Mögliche Auslöser sind beispielsweise Hyperurikämie bzw. Gicht. Weitere Ursachen können Infektionen oder Schuppenflechte sein. Bei Frauen in den Wechseljahren treten Gelenkprobleme und -schmerzen auch in Folge sinkender Östrogenspiegel auf.

 

Betroffene kommen zu spät zum Arzt

Aufgrund der Vielfalt der Ursachen und Erscheinungsformen ist die Diagnose von Gelenksschmerzen oft herausfordernd,

berichtet ÖSG-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Michael Ausserwinkler, Facharzt für Innere Medizin mit Spezialgebiet Rheuma-Erkrankungen in Villach. Dazu gehören Schmerzfragebögen, das Abtasten der Schmerzregion, Laboruntersuchungen, Ultraschall, radiologische Verfahren (Röntgen, MRT), Gelenkpunktion und dermatologische Untersuchungen bei Verdacht auf eine Psoriasis-Arthritis. "In den USA und in Deutschland gibt es bereits in vielen Praxen und Instituten spezielle MRT-Geräte für Fuß- und Handgelenke, die zu einer Entlastung der großen MRT-Geräte betragen. In Österreich scheitert deren Einsatz aber derzeit daran, dass die Sozialversicherung die Kosten dafür nicht übernimmt", kritisiert Dr. Ausserwinkler.

Unser Ziel muss lauten, schnell mit einer geeigneten Therapie zu beginnen und Patienten mit Gelenksbeschwerden rasch wieder in Bewegung zu bringen, denn das Risiko einer Schmerzchronifizierung ist sehr hoch.

Bei Arthrosen etwa suchen viele Patienten erst nach beträchtlicher Zeit ärztliche Hilfe. 66 Prozent versuchen mit nicht verschreibungspflichtigen Nahrungsmittelzusätzen und Medikamenten eine Besserung herbeizuführen, 41 Prozent der Patienten haben zumindest ein Jahr vor der Diagnose bereits Gelenksschmerzen.

 

Medikamentöse Therapie setzt am Schmerzmechanismus an

 

Für die Behandlung von Gelenkschmerzen kommt eine breite Palette an medikamentöser und nicht-medikamentöser Verfahren in Frage. Basis für die Therapiewahl ist der zugrundeliegende Schmerzmechanismus und die spezifische klinische Wirksamkeit der Analgetika. Zum Einsatz kommen, je nach Konstellation, peripher wirkende Analgetika wie Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Coxibe, Corticoide, neuen Biotherapeutika zur Linderung von nozizeptiven Schmerzen und Opioide. Bei neuropathischer Schmerzcharakteristik kann der Einsatz von Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Capsaicin sinnvoll sein.

 

Akute Entzündungen bei einer Arthrose können auch durch das Einspritzen von Glucocorticoiden in das Gelenk gelindert werden. Schreitet die Erkrankung trotzdem voran und schränkt den Patienten zu stark ein, gilt die Arthroskopie als Methode der Wahl. Eine weitere therapeutische Möglichkeit ist die Mikrofrakturierung. Lokalanästhetische Verfahren mit langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel und Nervenblockaden sind ebenfalls eine Hilfe zur Mobilisierung. Als nächst höhere Therapiestufe kommen wiederholte Nerven- bzw. Leitungsblockaden in Frage, in hartnäckigen Fällen auch kontinuierlich mit Katheter. Chirurgische Eingriffe sind dann indiziert, wenn bei einer Arthrose die Schmerzen und die Bewegungseinschränkungen nicht verringert werden kann.

 

Nichtmedikamentöse Therapien wesentlich für den Behandlungserfolg

 

Nichtmedikamentöse Therapien wie Akupunktur, Neuraltherapie, Entspannungstechniken, oder Psychotherapie tragen wesentlich zum Behandlungserfolg bei. Ein integraler Bestandteil der Behandlung sollte in jedem Fall die physikalische Therapie sein, betont ÖSG-Vorstandsmitglied Prim. Dr. Daniela Gattringer, Leiterin des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Linz: "Der planmäßige Einsatz manueller, mechanischer, thermischer und elektrischer Methoden kann einen bestehenden Teufelskreis unterbrechen. Denn Schmerzen führen zu Bewegungsarmut und diese zieht eine herabgesetzte Belastbarkeit, Muskeldysbalancen und Immobilisation nach sich. Bewegungsarmut verschärft außerdem Begleiterkrankungen wie Diabetes oder kardiopulmonalen Erkrankungen." Die Auswahl und Dosierung der verschiedenen physikalischen Anwendungen muss immer individuell abgestimmt sein.

Grundsätzlich gilt: Je akuter ein Krankheitsprozess, desto vorsichtig und schonender muss die Dosierung ausfallen,

sagt Prim. Gattringer.

Quelle: APA / Bildquelle: shutterstock

Kommentare