Psychiater warnt vor der Legalisierung von Cannabis
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Psychiater warnt vor der Legalisierung von Cannabis

Psychiater warnt vor der Legalisierung von Cannabis

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Geschäftsführender Direktor am Department für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätskliniken für Psychiatrie in Innsbruck spricht über die Gefahren bezüglich der Freigabe von Cannabis.

Nach der Legalisierung von Cannabisprodukten für medizinische Zwecke in Deutschland, hat das Thema in Österreich wieder großen Aufschwung erfahren. In der bevorstehenden Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie von 27. – 29. April wird diese Frage von verschiedenen Seiten beleuchtet.

In Österreich ist die Verwendung von Cannabisblüten oder –harz (Marihuana bzw. Haschisch) weiterhin verboten. Es gibt allerdings bereits zugelassene Medikamente, die den Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) enthalten. Diese werden etwa zur Muskelentspannung bei Multipler Sklerose, zur Appetitsteigerung bei Krebspatienten oder in der Schmerzmedizin eingesetzt. Der Vorteil dieser Medikamente ist, dass sie nur bekannte Inhaltsstoffe enthalten, während die natürliche Pflanze mehr als 100 weitere beinhaltet, über deren Wirkung und Nebenwirkung wir kaum etwas bekannt ist.

Forschung der Cannabis-Medikamenten steckt in den Kinderschuhen

„Auch wenn ich Cannabis für medizinische Zwecke nicht kategorisch ablehne, ist es schon aufgrund des raren Forschungsstandes fraglich, ob wir den vielzitierten „Joint auf Rezept“ wirklich benötigen.“ sagt Univ.-Prof. Dr. Fleischhacker. „Selbst die Wirkung der bereits zugelassenen pharmazeutischen Präparate ist bislang noch unzureichend untersucht und nachgewiesen.“

Bis dato gibt es erst wenige – und zum Teil sehr widersprüchliche – Studien zu diesem Thema. Dennoch scheint es Patientengruppen zu geben, wo eine Verschreibung gerechtfertigt ist. Bei der Multiplen Sklerose etwa sind bereits gute Effekte dokumentiert. Als alleiniges Präparat in der Schmerztherapie weißt Cannabis zwar bislang keine zusätzlichen Vorteile auf, in Kombination mit anderen Präparaten erweitert es aber möglicherweise das Wirkungsspektrum.

Um das endgültig zu beurteilen, wird es aber noch weiterer, vor allem auch substanziellerer Studien bedürfen. Die bislang vorliegenden Daten würden in vielen Fällen den gewohnten Anforderungen einer Arzneimittelprüfung kaum gerecht werden. Viele Untersuchungen wurden mit relativ wenigen Teilnehmern durchgeführt, die Erfolgsmessungen sind oft fragwürdig und langfristige Sicherheitsbewertungen fehlen völlig. Jedes andere Zulassungsverfahren hätte mit dieser Datenlage wohl wenige Chancen gehabt.

Akzeptanz und Gesetzeslage von Cannabis weltweit unterschiedlich

„Fakt ist, dass Cannabis eine eindeutig suchterzeugende Substanz ist.“ so Prof. Fleischhacker. „Ich kann mich nur wundern, wenn selbst manche Mediziner das immer wieder zu negieren versuchen. Deshalb bin ich derzeit strikt gegen eine Freigabe über den medizinischen Gebrauch hinaus.“ Weltweit ist die Lage dazu höchst unübersichtlich: In Uruguay ist Cannabis tatsächlich auch als Genussmittel legal, in Nordkorea ist es als illegale Drogen wie Heroin und Kokain eingestuft, jedoch wird dort THC-armer Wildhanf als Tabakersatz verkauft. In den Niederlanden oder Kanada sind Haschisch und Marihuana immer noch illegal, werden aber toleriert. In den USA schließlich haben etliche Bundesstaaten wie z.B. Colorado den Gebrauch auch jenseits von medizinischen Zwecken erlaubt, obwohl ein Bundesgesetz Cannabis nach wie vor als illegale Droge einstuft. In Summe zeigt allein schon dieses Wirrwarr, wie unsicher die Gesundheitsbehörden weltweit bei diesem Thema sind. 

Legalisierung steigert Alltagspräsenz und Verfügbarkeit

Eine Freigabe von Cannabis würde sich vor allem auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen auswirken. Eine Freigabe würde zweifelsohne dazu führen, dass die Verfügbarkeit und Alltagspräsenz dieser Drogen steigt. Zahlreiche Studien belegen die gefährliche Wirkung von Cannabis-Konsum in jungen Jahren. Jugendliche, die regelmäßig hohe Dosen rauchen, leiden deutlich öfter unter Angststörungen und Depressionen. Das Risiko später an einer Schizophrenie zu erkranken steigt gar um das Vierfache – und das selbst dann noch, wenn sie irgendwann wieder ganz mit dem „Kiffen“ aufhören.

Keine Unterscheidung von „harten“ und „weichen“ Drogen

Prof. Fleischhacker findet eine Differenzierung in sogenannte schwere und leichte Suchtmittel aus medizinischer Sicht nicht gut haltbar. „Egal ob Alkohol, Cannabis oder Heroin: Welche Gefahr von einem Suchtmittel ausgeht, hängt nicht nur von seinen Inhaltsstoffen sondern ebenso davon ab, wie verfügbar es ist, auf welche Persönlichkeit es trifft und unter welchen gesellschaftlichen Grundbedingungen es konsumiert wird. Mit der Legalisierung von Hanfprodukten würden wir letztlich die Büchse der Pandora öffnen.“ So gesehen wäre nach einer Cannabis-Legalisierung wohl auch die Freigabe aller anderen jetzt noch illegalen Drogen naheliegende Konsequenz.

Therapie statt Strafe

Trotzdem befürworte Prof. Fleischhacker die Entkriminalisierung von Cannabis-Konsum. „Eine gerichtliche Verurteilung, nur weil jemand einen Joint geraucht hat, bedingt unter Umständen schwerwiegende Folgen für die weitere Lebensgestaltung.“ Zudem zeigt sich, dass dadurch die gewünschte generalpräventive Wirkung ausbleibt. „Konsumenten von Suchtmitteln bedürfen Beratung und allenfalls Therapie statt Strafe.“, so der Vorschlag von Prof. Fleischhacker.

Letztlich sind das aber alles Fragen, die weit über das rein Medizinische hinausgehen. So ist die Frage der Legalisierung in erster Linie eine gesellschaftspolitische. Psychiater können dazu lediglich ihre Expertenmeinung über die bekannten Risiken für Körper und Seele kundtun aber die Letztentscheidung und –verantwortung bleibt eine politische.

 

Quelle: B&K Kommunikation/Nicholas Bettschart

 

 

ANHÄNGE

Pressekonferenz zur Jahrestagung der ÖGPP, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker
v.l.: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Prim.a Dr.in Christa Rados, Chefarzt Prim. Dr. Georg Psota

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